Nur dual ist optimal

Der Weg zum „Mechatroniker/-in für Kältetechnik“ – Teil 3

Die duale Ausbildung sichert Auszubildenden neben handwerklichen Fertigkeiten auch ein breites theoretisches Grundlagen- und Fachwissen. Dafür sind in Deutschland die Berufsschulen zuständig. Aber wie ergänzen sich Praxis und Theorie auf optimale Weise? Ein Besuch der Beruflichen Schule Gelnhausen liefert Antworten.

Das duale Ausbildungssystem Deutschlands ist in seiner Ausprägung weltweit einzigartig. Viele Experten bestätigen diese Aussage, denn in keinem anderen Land hat das Handwerk eine vergleichbare Tradition und Entwicklung genommen. Angefangen bei den Zünften des Mittelalters, über das Handwer­kerschutzgesetz von 1897, indem bereits den Handwerkskammern die Regelung der Ausbildung von Lehrlingen übertragen wurde, bis hin zur Handwerksordnung (HwO) von 1953 und dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) von 1969. Damit trat der Staat neben der freien Wirtschaft als weiterer Partner und Geldgeber der Berufsausbildung bei. Seither ist die Berufsausbildung deutschlandweit einheitlich geregelt. Denn als zweite Ausbildungsstätte kam zum Ausbildungsbetrieb die staatliche Berufsschule hinzu.

Berufschule als Partner

Jeder Handwerksbetrieb hat die Verpflichtung, seine Auszubildenden in die Berufs­schule zu schicken. Im Wechsel werden dort neben dem betrieblichen Lehrplan dual die Vorgaben des Rahmenlehrplans erfüllt. Als Besonderheit kommt im Handwerk noch eine überbetriebliche Lehrunterweisung (ÜLU) hinzu (siehe Infokasten), sofern die jeweilige Handwerkskammer diese als verbindlichen Bestandteil der Ausbildung festgelegt hat. Die ÜLU wird an einer überbetrieblichen Ausbildungsstätte, wie etwa der Bundesfachschule Kälte-Klima-Technik, durchgeführt.

Die berufliche Bildungsstätte des Kälteanlagenbauerhandwerks ist für Hessen die Berufliche Schule Gelnhausen (BSG). Stand Sommerhalbjahr 2018 werden dort über alle Lehrjahre hinweg in 15 Klassen 469 Auszubildende beschult. Dafür engagieren sich 16 Lehrerinnen und Lehrer, von denen sich zwölf den fachlichen Themen (Elektrotechnik, Kälte- und Klimatechnik), die anderen allgemeinbildenden Fächern (Deutsch, Englisch, Politik, Wirtschaft und Religion) widmen. Der Unterricht verteilt sich für das Kollegium pro Lehr- und Schuljahr auf elf bzw. zwölf Blockwochen.

Einblick in den Schulalltag

Seit nunmehr 27 Jahren ist die Hessische Landesfachklasse für das Gewerk Kälte- und Klimatechnik an den BSG angesiedelt und Teil der von Studiendirektor Rainer Flach geleiteten Abteilung 3 der Schule. Er hat einen breiten Überblick, ist Schnittstelle zur Landesinnung, der Bundesfachschule, der Kammer, dem Prüfungsausschuss und den Betrieben. Seine Antworten im folgenden Kurzinterview liefern einen kompakten Einblick in den Berufsschulalltag der Auszubildenden und der Lehrer.

Herr Flach, was sollte ein Auszubildender aus Sicht der Berufsschule für den Beruf Mechatroniker für Kältetechnik mitbringen?

Rainer Flach: Ein Auszubildender sollte vor allem interessiert an Neuem sein und sich für seinen Beruf begeistern. Natürlich sind gute Vorkenntnisse im mathematisch-technischen Bereich von Vorteil.

Welche Themen behandeln Sie im dritten Lehrjahr mit den Schülern?

Rainer Flach: Die Themen orientieren sich an den vorgegebenen Lernfeldern. Behandelt werden beispielsweise die Auswahl von Expansionsventilen, Berechnungen an Verdichtern und deren Leistungsregelung, elektrische Antriebe und deren Anlaufverfahren, um nur einige zu nennen.

Was sind generell die größten Herausforderungen im Schulbetrieb?

Rainer Flach: Ich bin als Abteilungsleiter täglich eher vielen kleinen Herausforderungen ausgesetzt, als einer großen. Es gibt Vertretungen zu regeln, die Technik in Gang zu halten, neue Unterrichts- oder Medienkonzepte zu erarbeiten oder umzusetzen und vieles mehr. Mein Lehrerteam unterstützt mich dabei aber in hervorragender Weise. Wirklich schwierig ist es jedoch, für den Bereich Technik neue Fachlehrerinnen und Fachlehrer zu gewinnen.

Haben Sie das Gefühl, die Auszubildenden gehen gerne zur Schule oder sind lieber im Betrieb?

Rainer Flach: Das kann man so nicht sagen. Beides hat für die Auszubildenden Vor- und Nachteile. Ich bin mir jedoch sicher, dass sich die Auszubildenden in unserer Schule wohl fühlen. Wir pflegen einen freundlichen Umgang und versuchen trotz unserer Größe in der Schule und in der Klassengemeinschaft eine gewisse familiäre Atmosphäre zu erreichen. Die technischen Möglichkeiten des vor einigen Jahren bezogenen Neubaus tragen ebenfalls dazu bei, dass Lernen bei uns Spaß macht.

Sind nach Ihrer Ansicht die schulische und betriebliche Ausbildung gut aufeinander abgestimmt und miteinander verzahnt? Wie gestaltet sich der Kontakt und Austausch mit den Betrieben?

Rainer Flach: Wir pflegen einen sehr engen Kontakt zu unseren Ausbildungsbetrieben. Auftretende Probleme werden kurzfristig mit den Betroffenen gelöst – wir warten damit nicht bis zum nächsten Sprechtag. Vor kurzem haben wir ein „elektronisches Klassenbuch“ eingeführt, welches die Kommunikation zwischen Schule und Ausbildungsbetrieb deutlich erleichtert.

Wie motiviert erleben Sie die angehenden Handwerker in der Schule generell?

Rainer Flach: Da ich für verschiedene Berufsgruppen zuständig bin, kann ich sagen, dass die jungen Auszubildenden in der Kältetechnik überdurchschnittlich motiviert sind. Das liegt meines Erachtens zum einen an den guten Berufsaussichten und zum anderen daran, dass die Betriebe ihre Auszubildenden schon früh anspruchsvolle Aufgaben übernehmen lassen.

Worauf legen Sie besonderen Wert bei Ihrer schulischen Ausbildung?

Rainer Flach: Uns ist es wichtig, dass die wesentlichen Inhalte von allen Schülerinnen und Schülern verstanden werden, auch von den etwas Schwächeren. Dazu gehört es, dass bereits Erklärtes nochmals in anderem Zusammenhang wiederholt wird. Hohen Wert legen wir außerdem auf einen breit angelegten Praxisunterricht in kleinen Gruppen. Hier können die Lernergebnisse in eigenes Handeln umgesetzt und erweitert werden.

Wie stellen Sie sicher, dass vor allem das Fachwissen der Fachlehrer stets auf dem aktuellen Stand ist? Sehen Sie hier Optimierungsmöglichkeiten?

Rainer Flach: Jährlich besuchen mehrere Kollegen Fortbildungsveranstaltungen und halten sich so auf dem neuesten Stand der Technik. Zudem gibt es einen regen fachlichen Austausch und gemeinsame Fortbildungen mit der Landesinnung Hessen-Thüringen/Baden-Württemberg.

Hätten Sie drei Wünsche für die schulische Gesellenausbildung frei, was wären diese?

Rainer Flach: Ich würde mir wünschen, dass sich weiterhin viele junge Menschen für eine spannende Ausbildung in der Kältetechnik begeistern. Ein Wunsch wäre auch, dass Absolventinnen oder Absolventen den Entschluss fassen, sich als Lehrerin oder Lehrer in unser Team einzubringen. Außerdem würde ich mich sehr freuen, wenn wir durch eine spezielle „Schulcouch“ den etwas kahlen Flurbereich aufwerten könnten.

Das sagen die Berufsschüler

Aber wie sehen die Schüler ihren Beruf und die Ausbildung in der Berufschule? „Ich bin sehr gerne in der Schule, aber genauso gerne im Betrieb“, sagt Sabrina Fünkner. „Am besten gefällt mir in der Schule, dass man die theoretischen Zusammenhänge des großen Ganzen nähergebracht bekommt und man vom durchaus körperlich anstrengenden Tagesgeschäft einmal eine Verschnaufpause erhält.“ Die 23-jährige ist im 3. Lehrjahr. Sie arbeitet bei einem mittelständischen Kälte-Klima-Fachbetrieb mit 21 Mitarbeitern, machte zuvor ihr Abitur und ein 1 ½-jähriges Praktikum im Betrieb ihres Vaters. Inzwischen arbeitet sie in ihrer Ausbildung teilweise selbständig, kann so das in der Schule Gelernte über Schaltschränke, Druckregler, Druckverluste in RLT-Anlagen oder Stern-Dreieck-Schaltungen von Motoren festigen. „Im Unterschied zu den zwei Jahren davor wird heute mehr von mir erwartet. Denn eigenständiges Arbeiten und Mitdenken gehört jetzt absolut mit dazu, gibt Verantwortung und macht den Beruf auch so reizvoll. Am liebsten fahre ich mit im Service, weil man dort am meisten über die Anlage lernt und ein schönes Gefühl hat, wenn alles wieder läuft.“

Einen anderen Einstieg in die Ausbildung hatte Max Wiesmann. „Der Start in die Berufsschule fiel mir anfangs etwas schwer, da ich schon lange aus der Schule raus war und mir durch meine verkürzte Ausbildung das komplette erste Jahr fehlte. Das musste ich erst einmal aufholen.“ Mit 38 Jahren kann er bereits auf eine abgeschlossene Gärtnerausbildung zurückblicken, die er nach seinem Abitur absolvierte und die eine Lehrzeitverkürzung einbrachte. Deutlich bessere Berufsaussichten, gute Weiterbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten und auch die attraktive Bezahlung führten ihn schließlich zur zweiten Karriere. Im 3. Lehrjahr kümmert er sich bei seinem Ausbildungsbetrieb bereits mit um die Montage von großen Klimaanlagen oder die Wartung von Kaltwassersätzen und Lüftungsanlagen, während es in der Schule auch bei ihm um die bereits zuvor genannten Themen geht. „Durch das Gelernte in Betrieb und Schule versteht man inzwischen die Zusammenhänge wesentlich besser. Auch weil sich die Tätigkeiten im Lauf der Zeit wiederholen. Trotzdem ist jeder Tag anders, weil jeder Auftrag anders ist“, freut sich Max Wiesmann über seine zweite Berufswahl. „Darum erfüllt die Ausbildung meine ganzen Erwartungen“, was auch Sabrina Fünkner ergänzt. Und während sie nach der Gesellenprüfung gleich ihren Meister anhängen möchte, will Max Wiesmann erst einmal Berufserfahrung sammeln. Beide sehen die duale Ausbildung als ideale Kombination aus betrieblicher und schulischer Ausbildung und fühlen sich mit ihrer Berufsentscheidung sehr wohl.

Ausbildung im Handwerk

Wie wird man ‚Mechatroniker/-in für Kältetechnik’? Antworten auf diese und viele weitere Fragen liefert die vierteilige Serie der KKA in Kooperation mit der Landesinnung Kälte-Klima-Technik Hessen-Thüringen/Baden-Württemberg. Sie ist gedacht zum Sammeln und zur Weitergabe an interessierte Berufseinsteiger.
Nachdem die ersten beiden Teile schwerpunktmäßig die praktische Ausbildung beleuchteten, beschäftigt sich Teil 3 mit der Berufsschule. Das Fachgespräch mit Studiendirektor Rainer Flach liefert interessante Einblicke in den Schultag. Zwei Auszubildende beschreiben außerdem, wie sich für sie das dritte Lehrjahr anfühlt. Der abschließende Teil 4 in der nächsten KKA-Ausgabe informiert über die Gesellenprüfung und die Zeit danach.

Lehrunterweisungen und Lernfelder

Die ÜLU – denn aller guten Dinge sind drei

Die überbetriebliche Lehrunterweisung (ÜLU) ist die dritte Säule der beruflichen Ausbildung im Handwerk. Im Kälteanlagenbau findet diese an innungseigenen Fachschulen statt. Im Bezirk der Landesinnung Kälte-Klima-Technik Hessen-Thüringen/Baden-Württemberg ist es die Bundesfachschule Kälte-Klima-Technik in Maintal, Harztor und Leonberg. So hat es ein Vollversammlungsbeschluss der Handwerkskammern in Thüringen, Hessen und Baden-Württemberg festgelegt. Mit einer überbetrieblichen Ausbildung wird die Gleichheit der praktischen Ausbildung gewährleistet. Nur so haben die Auszubildenden einen möglichst gleichen Ausbildungsstand für ihre praktische Gesellenprüfung, da Ausbildungsbetriebe im Kerngeschäft unterschiedliche Ausprägungen haben. Dafür vermittelt die ÜLU während der Lehrzeit verteilt in sechs Kursen handwerkliche Grundfertigkeiten, die wichtig sind und die jede(r) angehende MechatronikerIn für Kältetechnik beherrschen muss:
GKK Grundfertigkeiten der Verbindungstechniken in der Kälte- und Klimatechnik
Verbindungstechniken, Rohrbearbeitung, einfache Elektro- und Dämmarbeiten
KK1 Elektro- und Steuerungstechnik in Kälte- und Klimaanlagen – Teil 1 Elektrotechnik
KK2 Umwelt und Ökologie in der Kälte- und Klimatechnik
KK3 Montage von Anlagen und Systemen in der Kälte- und Klimatechnik
KK4 Elektro- und Steuerungstechnik in Kälte- und Klimaanlagen – Teil 2
KK5 Kälteanlagen mit natürlichen, kohlenstoffhaltigen Kältemitteln
So bereitet die ÜLU auch auf Teil 1 der Gesellenprüfung nach dem 2. Lehrjahr und Teil 2 am Ende der Ausbildungszeit vor. Am Ende jedes Kurses steht eine mündliche und schriftliche Prüfung als Bestandteil der gesamten überbetrieblichen Lehrunterweisung. Die Motivationskurve für die ÜLU ist hoch, weil sich Auszubildende auf die Abwechslung zum betrieblichen Alltag freuen, andere Auszubildende treffen und vor allem um viel Praxis hautnah zu erleben.

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