Traumquote von zehn Prozent

Energetische Sanierungen im Einzelhandel

Während energetische Sanierungen in der Haus- und Gebäudetechnik seit Jahren auf niedrigem Niveau stagnieren, realisiert der Handel zweistellige Quoten. So werden jedes Jahr durchschnittlich zehn Prozent der Filialen in Deutschland saniert. Deshalb hat das EHI – das wissenschaftliche Institut des Handels – besonders herausragende Projekte mit dem Energiemanagement Award ausgezeichnet.

Tue Gutes und rede darüber. Das gilt einmal im Jahr für deutsche Handelsunternehmen. So trafen sich traditionell in Köln – dem Sitz des veranstaltenden Handelsinstituts EHI – knapp 200 Experten des Food- und Non Food-Handels zum zweitägigen Energiemanagementkongress. Dabei kommen alle energieintensiven Bereiche zur Sprache. Es geht um Möglichkeiten, Kosten und CO2-Emissionen zu reduzieren. Betrachtet werden dafür die Beleuchtung, die Kälte- und Klimatechnik, aber auch die Gebäudehülle und die gesamte Gebäudetechnik. Ebenso stehen Wärmerückgewinnung oder das Energiemanagement im Zentrum umgesetzter Maßnahmen. Laut einer Studie des EHI werden pro Jahr rund 10 % der Filialen energetisch modernisiert. Verglichen mit den Sanierungen in der Gebäudetechnik, die seit Jahren bei rund 1% stagnieren, erzielt der Handel Traumquoten. Und die filialweiten Energieeinsparungen liegen durch verschiedenste Effizienzmaßnahmen im Schnitt bei 5 %.

Mehr Geld investiert

Investitionen in Energieeffizienzmaßnahmen sind in den vergangenen Jahren stark angestiegen (siehe Grafik). Auch die Amortisationszeiträume haben sich im Vergleich zu den Vorjahren deutlich verlängert. Während im Erhebungsjahr 2014 erst 28 % der Befragten bereit waren, Amortisationszeiten von fünf Jahren und mehr in Kauf zu nehmen, investieren heute bereits die Hälfte der Studienteilnehmer dementsprechend langfristig.

56 % der Handelsfilialisten mit einem Nettojahresumsatz von mehr als 2,5 Mrd. € geben an, innerhalb der letzten fünf Jahre deutlich mehr als 25 Mio. € in Energieeffizienzmaßnahmen investiert haben. Vereinzelt wurden sogar Investitionssummen von über 100 Mio. € genannt. In der Umsatzklasse zwischen 501 Mio. und 2,5 Mrd. € nannten 23 % der Händler für die vergangenen fünf Jahre Investitionen zwischen 5 und 25 Mio. € und ebenfalls 23 % ordneten sich in der Kategorie „über 25 Mio. €“ ein.

Langfristiges Handeln

Die Tendenz der EHI-Studie zeigt sowohl bei den Investitionen als auch bei den Amortisationszeiten einen weiterhin steigenden Trend. Er geht hin zu langfristigeren Investitionsprojekten. Ein möglicher Auslöser für diese Strategien könnte laut EHI der zunehmende Aufbau von Energiemanagementsystemen sein. Das legen die längeren Amortisationszeiten nahe. Denn im Zuge eines professionalisierten Energiemanagements können erst über mehrere Vergleichsjahre sinnvolle Effizienzprojekte identifiziert werden.

Der mit 84 % überwiegende Teil der Gruppe befragter Unternehmen mit einem Nettojahresumsatz von bis zu 500 Mio. € gab an, in den vergangenen fünf Jahren bis zu 5 Mio. € in Energieeffizienzmaßnahmen investiert zu haben. Nur 16 % der Befragten dieser Gruppe nannten Investitionsvolumen von mehr als 5 Mio. € innerhalb der letzten fünf Jahre. Das liegt unter anderen daran, dass größere Investitionssummen für filialübergreifende Projekte in Großunternehmen tendenziell leichter zu realisieren sind als bei den kleineren Marktakteuren.

Kälte weiter vorne

Durchschnittlich entfallen mit 45 % weiterhin die meisten Energieeffizienzinvestitionen des Food-Handels auf die Kältetechnik. Es folgt mit 30 % die Beleuchtung und 10 % Klima und Lüftung sowie die energetische Optimierung. Im Nonfood-Handel gehen 67 % der Investitionen in moderne Beleuchtung. 22 % werden in die Klimatisierung und Lüftung investiert.

Drei Musterbeispiele

Das eine sind Zahlen, das andere gute Vorbilder. Drei besondere Projekte erhielten 2017 den Energiemanagement-Award des EHI, womit Handelsunternehmen für herausragende Konzepte zur Einsparung und zum Ressourcen schonenden Einsatz von Energie in den Verkaufsstellen ausgezeichnet werden.

Komplexität von CO2-Kälte reduziert

Der Edeka-Markt in Minden-Hannover wurde in der Kategorie „Innovative Konzepte und Technologien“ für ein neuartiges Konzept im Bereich der Kältetechnik ausgezeichnet. Dieses reduziert durch die Kombination der CO2-Ejektor-Technologie in Verbindung mit einer Kältemittelpumpe die Komplexität von CO2-Kälteanlagen. Umgesetzt wurde das mit Unterstützung von Carrier Kältetechnik entwickelte Projekt erstmals in einem Cash & Carry-Markt in Soltau, wodurch dort der Energieverbrauch erheblich reduziert und die Energieeffizienz deutlich gesteigert wurde. Überzeugt habe die Jury nach eigener Aussage der hohe Innovationsgrad des Projekts, mit dem sich CO2-Anlagen auch wesentlich einfacher in wärmeren Klimazonen betreiben lassen sollen, die Übertragbarkeit der durchgeführten Maßnahmen auf andere Unternehmen und die realisierten Energie- und CO2-Einsparungen.

Erste Plusenergie-Filiale

Den Award in der Kategorie „Integration von Energieeffizienzmaßnahmen“ hat die Genossenschaft Migros Ostschweiz mit ihrer ersten Migros-Plusenergiefiliale in Zuzwil gewonnen. Das Ziel dieses Projekts war eine Filiale, die ihren eigenen Energiebedarf decken kann. Dies sollte durch einen ganzheitlichen Ansatz gelingen, der nicht nur den Zu- und Ausbau von Photovoltaikanlagen vorsah, sondern auch eine Reduktion des Energieverbrauchs. Letztendlich wurden die folgenden Maßnahmen umgesetzt: Beheizung mit 100 % Abwärme der Kälteanlage. Der Einsatz von Kühlmöbeln mit Zero-Technologie, die laut Hersteller bei einer gewünschten Warenraumtemperatur von +2 °C bis +4 °C die Verdampfungstemperatur auf konstant 0 °C anhebt. Die Warenqualität dabei bleibt gleich gut, eine Abtauung entfällt, was insgesamt zu Energieeinsparungen führt. Weitere Maßnahmen in Zuzwil sind Nachtrollos, ein optimierter Gebäudeeingang ohne Luftschleier, 100 % LED-Beleuchtung mit Einzelseilabhängungen und eine Photovoltaikanlage mit Eigenverbrauchsregelung. Der Markt ist damit ein weiterer Meilenstein der internen Klima- und Energiestrategie 2020 (KES 2020) der Migros, die u. a. eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um 20 % sowie eine Reduktion des Stromverbrauchs um 10 % bis zum Jahr 2020 vorsieht.

Erleuchtete Baumärkte

Ebenfalls in der Kategorie „Integration von Energieeffizienzmaßnahmen“ überzeugte ein Beleuchtungskonzept zur Tageslichtsteuerung der Baumarktkette toom. Die Verbindung aus hocheffizienten Beleuchtungseinheiten und einer individuellen Steuerung jeder einzelnen Leuchte führte zu einer verbesserten Ausleuchtung der Verkaufsfläche bei gleichzeitig deutlichen Energieeinsparungen und einer angenehmeren Atmosphäre für Kunden und Mitarbeiter. Entscheidend für das Votum der Jury war, dass es toom gelungen ist, das innovative Konzept zur Tageslichtsteuerung in Bestandsmärkten umfassend und aufgrund geringer Amortisationszeiten besonders ökonomisch innerhalb von knapp drei Jahren in 113 Märkten mit rund 620.000 m² Verkaufsfläche umzusetzen.

Energieoptimierung im Handel

Die Investitionen der Händler in Energieeffizienzmaßnahmen sind weiterhin auf einem hohen Level, so eines der Ergebnisse der aktuellen EHI-Studie „Energiemanagement im Einzelhandel 2017“. Vor allem die umsatzstarken Filialisten haben dafür in den letzten fünf Jahren viel Geld in die Hand genommen. Bemerkbar macht sich das im konstant sinkenden Energieverbrauch, der aktuell bei 405 kWh/m² Verkaufsfläche pro Jahr im Bereich Food und bei 157 kWh/m² Verkaufsfläche pro Jahr im Bereich Nonfood liegt. Die durchschnittlichen Energiekosten betragen im Food-Handel aktuell 55,24 € und 28,95 € im Nonfood-Handel (ohne Baumärkte) pro Jahr und Quadratmeter Verkaufsfläche. Sie machen damit einen Anteil von 1,6 % (Food) bzw. von 1,3 % (Nonfood) am Nettoumsatz aus.

 

Große Unterschiede bei den Stromkosten
80 % (Food) und 66 % (Nonfood) des Energieverbrauchs gehen auf den Strom zurück, der Rest auf Wärme. Der Großteil des Verbrauchs ist auf die Kältetechnik und Beleuchtung (Food) bzw. Beleuchtung und Gebäudetechnik (Nonfood) zurückzuführen. Dementsprechend werden in diesen Bereichen auch die meisten Energieeffizienzmaßnahmen getroffen. Der dadurch sinkende Verbrauch und die durch die wachsende staatliche Abgabenlast tendenziell steigenden Strompreise lassen allerdings keinen Rückschluss auf die Gesamtentwicklung der Energiekosten im Handel zu. Denn diese variieren aufgrund der Komplexität des Strommarktes stark von Händler zu Händler. So gibt es je nach Einkaufszeitpunkt große Unterschiede bei den Strompreisen an der Börse und die Netznutzungsentgelte variieren je nach Region. Zudem gibt es individuelle Preisentwicklungen, die sich mehr an den ausgehandelten Lieferverträgen/Kontingenten als an der tatsächlichen Marktpreisentwicklung orientieren.


Diese und viele weitere Ergebnisse fasst die neue EHI-Studie „Energiemanagement im Einzelhandel 2017“ zusammen. An der Studie haben sich 52 marktführende Handelsunternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beteiligt. Das entspricht über 29.000 Handelsfilialen bzw. etwa 46 Mio. m² Verkaufsfläche. Dem Nonfood-Bereich sind dabei 48 % der Befragten, dem Food-Bereich 52 % zuzurechnen. Sie ist käuflich zu erwerben unter www.ehi.org.

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