Kälte-Kolloquium 2026: Nachhaltige Kälteversorgung im Fokus
Praxis und Perspektiven bei der Kälteversorgung in Industrie und Gewerbe
Das Kälte-Kolloquium brachte am 21. April 2026 in der BMW Welt in München rund 125 Fachleute aus der Kältebranche zusammen. Veranstaltet von Eurovent Certita Certification in Zusammenarbeit mit „Coolplan“ und unterstützt von der KKA als einem der Medienpartner standen aktuelle Entwicklungen der nachhaltigen Kälteversorgung in Industrie- und Gewerbebauten im Mittelpunkt. Thematisiert wurden unter anderem natürliche Kältemittel, Effizienzanforderungen, Digitalisierung und regulatorische Rahmenbedingungen.
Im Mittelpunkt der eintägigen Fachveranstaltung, die bereits zum vierten Mal stattfand, standen die Herausforderungen und Perspektiven der Gewerbe- und Industriekälte. Die Referenten beleuchteten aktuelle Lösungen für den Einsatz natürlicher Kältemittel, die Auswirkungen verschärfter gesetzlicher Vorgaben sowie neue Ansätze zur Steigerung von Energieeffizienz und Betriebssicherheit. Darüber hinaus wurden Themen wie künstliche Intelligenz, veränderte Anforderungen im Lebensmittelhandel und zukünftige Entwicklungen der Kältetechnik diskutiert. Begleitende Networking-Angebote förderten den fachlichen Austausch der Teilnehmer.
Verdichterkältemaschine bleibt Maßstab der Kältetechnik
Nach der Begrüßung durch Gerhard Frei („Coolplan“), der die Veranstaltung auch moderierte, startete der Vortragsreigen mit der Keynote „Kältetechnik im Wandel: Wege in eine nachhaltige Zukunft“ von Prof. Dr.-Ing. Thomas Maurer, Sachverständiger für das Fachgebiet Kältetechnik. In seinem Vortrag spannte er den Bogen von der Ingenieursausbildung über die Verdichterkältemaschine und Kältemittel bis zu langfristigen Entwicklungen der Branche. Bei der Ingenieursausbildung plädierte er für einen stärkeren Praxisbezug nach dem Motto „Wissen und Können durch Machen“, unter anderem durch Experimentalvorlesungen und mobile Labor-Sets.
Den Schwerpunkt legte Maurer auf die Verdichterkältemaschine. Deren hohe energetische Effizienz beruhe auf Verdampfung und Verflüssigung bei nahezu konstanten Temperaturen, hohen Wärmeübergangskoeffizienten beim Phasenwechsel sowie den sich temperaturabhängig einstellenden Drücken. Weitere Vorteile seien der kontinuierliche Kältemittelkreislauf, kostengünstige Werkstoffe und die Verfügbarkeit geeigneter Kältemittel für einen Temperaturbereich von etwa -150 bis +150 °C. Alternative Verfahren wie Kalorik, Stirling- oder Kaltluftmaschinen sowie Thermoelektrik seien in speziellen Anwendungen nutzbar, erreichten jedoch meist nicht die Effizienz der Verdichterkältemaschine.
Beim Thema Kältemittel stellte Maurer die Eigenschaften aktueller zeotroper Gemische sowie deren Auswirkungen auf Effizienz und Anlagenbetrieb dar. Er verglich verschiedene Kältemittel hinsichtlich Leistungszahl, Verdichtungstemperatur, Sicherheitsklasse und GWP. Mit Blick auf die F-Gase-Verordnung erwartet er künftig einen Fokus auf natürliche Kältemittel sowie fluorierte Kältemittel mit GWP-Werten unter 150. Als bevorzugte Lösungen nannte er je nach Anwendung unter anderem CO₂, NH₃ und Propan.
Besondere Aufmerksamkeit widmete Maurer der Umrüstung von A1-Kältemitteln auf hochentflammbare A3-Kältemittel wie R290. Er verwies auf die Notwendigkeit einer vollständigen Gefährdungsbeurteilung, geeigneter Prüf- und Abnahmeverfahren, angepasster Betriebsorganisationen sowie der Freigabe aller Komponenten. Ohne definierte Abnahme- und Prüfschritte bleibe ein Nachweis- und Verantwortungsrisiko für Errichter und Betreiber bestehen.
Für die Zukunft sieht Maurer vor allem die Vermeidung von Kältebedarf, natürliche Kühlverfahren, die Nutzung von Abwärme sowie stärker standardisierte und modularisierte Systemlösungen. Gleichzeitig müsse das Handwerk durch praxisnahe Weiterbildung auf den sicheren Umgang mit brennbaren Kältemitteln vorbereitet werden.
NH₃-Kälteträgeranlage für die Würzburger Hofbräu
Im folgenden Vortrag stellte Roman Brüderl von der „ska GmbH – Gesellschaft für Kältetechnik“ die Erneuerung der gesamten Kälteversorgung der Würzburger Hofbräu während des laufenden Betriebs vor. Das Projekt umfasste die Substitution einer Bestandsanlage aus den Jahren 1973 bis 2010 durch eine NH₃-Kälteträgeranlage mit überfluteter Verdampfung. Er zeigte die Ausgangssituation, den Anlagenaufbau sowie die technische Umsetzung mit neuen Verdichtern, Verdunstungskondensatoren und optimierter Regelung. Durch den Entfall der Ammoniakpumpen, effizientere Komponenten und eine höhere Verdampfungstemperatur ergibt sich ein Energieeinsparpotenzial von rund 220.000 kWh pro Jahr beziehungsweise 25 %. Der erhöhte Kältebedarf für die zunehmende Entalkoholisierung von Getränken steigere jedoch künftig wieder den Energieverbrauch, so Brüderl.
NH₃-Füllmenge reduziert
Bei LGV Sonnengemüse, einer Erzeugergenossenschaft mit 133 Gärtnern und Bauern, wurde eine korrosionsgeschädigte NH₃-Kälteanlage aus dem Jahr 1996 modernisiert. Darüber berichteten Florian Aumair und Manuel Nachbaur von der „Equans Kältetechnik GmbH“. Kern des Projekts waren zwei NH₃-„smartPACK-L7“-Einheiten für Sole- und Kaltwassererzeugung. Durch die Trennung von NH₃-Primärkreis und Kälteträgerverteilung sowie die Nutzung bestehender Rohrnetze und des Kühlturms konnte die NH₃-Füllmenge deutlich reduziert werden. Die neue Anlage versorgt Kühlräume über eine neue Kaltsoleverteilung und die Halle über die ertüchtigte Kaltwasserverteilung. Ergänzend sorgen digitales Monitoring, optimierte Regelung und dreimal tägliche Soleabtauung für höhere Effizienz und geringeren Energiebedarf.
Propan – natürlich sicher!
Harald Erös („Ingenieurbüro Erös“) zeigte den sicheren Einsatz von Propan (R290) vor dem Hintergrund der EN 378, ATEX sowie der EU-F-Gase- und REACH-Verordnung. Anhand von Sicherheitsbetrachtungen für besondere Maschinenräume und belüftete Gehäuse erläuterte er Maßnahmen wie Gaswarnanlagen, Lüftung, Notabschaltung und Alarmmaßnahmenpläne. Zudem stellte er Anforderungen an Hersteller, Aufsteller, Errichter und Betreiber hinsichtlich Risiko- und Gefährdungsbeurteilung, CE-Konformität und Sicherheitskonzept vor. Fazit: Propan bietet sehr gute thermodynamische Eigenschaften und kann mit geeigneten Schutzmaßnahmen sicher eingesetzt werden. Harald Erös hat dazu auch einen Fachbeitrag in der KKA 5/2025 veröffentlicht: www.t1p.de/KKA4-26R290
Neue Food-Formate verändern Anforderungen an die Kühlung
Prof. Dr. Carsten Kortum von der „Dualen Hochschule Baden-Württemberg Heilbronn“ zeigte, wie Delivery-Dienste, Online-Supermärkte, Plattformmodelle sowie Smart-, Hybrid- und Micro-Stores die Versorgungslogik im Lebensmitteleinzelhandel verändern. Kühlung löst sich dabei vom klassischen Store und wird Teil der gesamten Versorgungskette. Gefragt sind flexible, skalierbare und datengetriebene Kühlsysteme mit hoher Prozessintegration. Der Vortrag verdeutlichte den Trend zu Convenience, Quick Commerce und autonomen Formaten sowie den Wandel von einzelnen Kühlmöbeln hin zu vernetzten
Kühlsystemen.
Anforderungen an die Gewerbekälte im LEH
Im Mittelpunkt des Vortrags von Andreas Koch von der „Kaufland Stiftung & Co. KG“ standen die Herausforderungen der Gewerbekälte im Lebensmitteleinzelhandel: Die Temperatureinhaltung sichert Produktqualität und Hygiene, wird jedoch durch reale Umgebungsbedingungen, Warenplatzierung und unterschiedliche Normanforderungen erschwert. Betriebssicherheit erfordert zuverlässige, servicefreundliche Anlagen, digitales Monitoring und schnelle Störungsbearbeitung. Energieeffizienz wird durch effiziente Kühlmöbel, Anlagentechnik und ein zentrales Monitoring unterstützt. Als Überblick stellte er zudem Recyclingkonzepte für Kälteanlagen und Kühlmöbel sowie nachhaltige Kältemittel- und Technikkonzepte vor.
In-House-Trainings für die Gewerbekälte
Joachim Dallinger von „Epta Deutschland“ stellte das hauseigene Trainingscenter für die Aus- und Weiterbildung in der Gewerbekälte vor. Hintergrund sind der Fachkräftemangel, die Umstellung auf natürliche Kältemittel wie CO₂ und Propan sowie steigende Anforderungen an Planung, Bau und Service von Kälteanlagen. Das Schulungskonzept umfasst Theorie und Praxis in einer Ausbildungswerkstatt, an einer CO₂-Schulungsanlage und in einem Lehrsupermarkt. Laut Dallinger führten die Trainings zu mehr Auszubildenden, die insgesamt bessere Noten erreichen.
KI für effiziente Kältesysteme
Víctor Estévez („Gradhoc Smart, S.L.“) stellte ein cloudbasiertes KI-System zur Überwachung und Steuerung vernetzter Kälteanlagen vor. Ziel sind höhere Effizienz, Zuverlässigkeit und eine vorausschauende Betriebsführung. Anhand von zwei Industriekälte- und einem Einzelhandelsprojekt zeigte er Energieeinsparungen durch preisbasierte Regelstrategien, reduzierte Störungen sowie optimierte Wartung. Die vorgestellte Architektur verknüpft klassische Regelungstechnik mit KI-, Daten- und Kommunikationstechnologien.
Ökodesign-Verordnung verändert Rolle der Ventilatorhersteller
Im vorletzten Vortrag des Tages erläuterte Dr. Julien Grilliat („ebm-papst Mulfingen“) die Auswirkungen der Ökodesign-Verordnung (EU) 2024/1834, die ab 24. Juli 2026 für Ventilatoren mit 125 W bis 500 kW Eingangsleistung gilt, die in der EU erstmals in Verkehr gebracht werden. Im ersten Teil stellte er die neue Definition des Ventilators vor: Erst das Zusammenwirken von Stator, Motor und Laufrad gilt als vollständiger Ventilator. Dadurch werden viele OEMs und Gerätehersteller rechtlich zu Ventilatorherstellern und übernehmen die Verantwortung für die CE-Konformität.
Schwerpunkt des Vortrags waren die neuen Anforderungen der ErP 2026. Neben verschärften Mindestwirkungsgraden für Axial- und Radialventilatoren gelten erweiterte Dokumentationspflichten, die über frei zugängliche Webseiten umgesetzt werden müssen. Ab 2027 sind zudem Angaben zum Teillastverhalten vorgeschrieben. Für bestehende Produkte sind neue Datenblätter, Kennzeichnungen und Konformitätserklärungen erforderlich. Hinzu kommen umfangreiche Vorgaben zur Reparierbarkeit: Bestimmte Ersatzteile müssen bis zu zehn Jahre nach Produktabkündigung verfügbar sein.
Als Folge erwartet Grilliat eine grundlegende Umgestaltung der Lieferketten. Digitalisierung, digitaler Produktpass, Kreislaufwirtschaft sowie neue Verantwortlichkeiten in der Ersatzteilversorgung sollen langfristig Europas Abhängigkeiten von externen Rohstoff- und Energiequellen verringern.
Leistungsdaten von CO₂-Gaskühlern auf dem Prüfstand
Thomas Michineau, „Eurovent Certita Certification (ECC)“, stellte zum Abschluss das Whitepaper „Beyond the Brochure: Exposing the Reality of Refrigeration Product Underperformance“ („Jenseits der Broschüre: Die Realität unzureichender Leistung von Kälteprodukten erkennen“ www.t1p.de/KKA4-26ECC) vor. Darin werden Leistungsabweichungen nicht zertifizierter Wärmeübertrager untersucht. Eine aktuelle Analyse zeigt, dass die Wärmeabgabekapazität von CO₂-Gaskühlern je nach Betriebsbedingung deutlich unter den Herstellerangaben liegen kann. Für Mittel- und Nordeuropa wurden Abweichungen von bis zu 53 %, in warmen Klimazonen von bis zu 37 % ermittelt.
Im Vortrag verdeutlichte Michineau die Folgen für Kälteanlagen: Eine verringerte Wärmeabgabe erhöht die Verflüssigungs- bzw. Hochdrucktemperaturen, steigert den Energieverbrauch der Verdichter und verschlechtert die Gesamteffizienz. Beispielrechnungen für Supermarktanwendungen verdeutlichten den Mehrenergiebedarf sowie die zusätzlichen Betriebskosten und CO₂-Emissionen. Zudem bestätigten die Untersuchungen die von ECC verwendeten Korrekturfaktoren für unterschiedliche Betriebsbedingungen. Abschließend hob er die Bedeutung unabhängiger Leistungsprüfungen, transparenter Produktdaten und zertifizierter Produkte für eine verlässliche Anlagenauslegung hervor.
Ausklang mit fachlichem Austausch
Nach dem Vortragsprogramm boten die gemeinsame Besichtigung des BMW Museums sowie der anschließende Networkingabend in der BMW Welt weitere Gelegenheiten zum fachlichen und persönlichen Austausch. In lockerer Atmosphäre wurden Gespräche fortgeführt, Kontakte vertieft und Eindrücke des Veranstaltungstages diskutiert. Damit fand die Veranstaltung einen passenden Abschluss, der den Austausch innerhalb der Branche nochmals in den Mittelpunkt stellte.
Fazit
Das Kälte-Kolloquium 2026 zeigte aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen der Kälte- und Klimatechnik im Bereich der Industrie- und Gewerbekälte. Im Mittelpunkt standen Anwendungen mit natürlichen Kältemitteln, regulatorische Anforderungen, Künstliche Intelligenz sowie die Bedeutung verlässlicher Daten für Effizienz und Nutzung. Zudem wurden Themen wie Fachkräftemangel, Aus- und Weiterbildung sowie der Einsatz vorgefertigter Plug-and-Play-Lösungen diskutiert. Die Veranstaltung soll auch 2027 wieder stattfinden – nähere Informationen will der Veranstalter noch bekanntgeben.
Video zur Veranstaltung
Ein Video mit Impressionen von der diesjährigen Veranstaltung finden Sie hier: www.t1p.de/KKA4-26Video
Vorträge
Kälte-Kolloquium 2026, 21. April 2026, BMW Welt München
Keynote – Kältetechnik im Wandel: Wege in eine nachhaltige Zukunft
Prof. Dr.-Ing. Thomas Maurer, Sachverständiger für das Fachgebiet Kältetechnik
NH₃ Kälteträgeranlage Neubauprojekt Würzburger Hofbräu
Roman Brüderl, ska GmbH – Gesellschaft für Kältetechnik
NH₃ „smartPACK-L7“ Kälteträgeranlage für Obst- und Gemüselagerung
Florian Aumair / Manuel Nachbaur, EQUANS Kältetechnik GmbH
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Propan - natürlich sicher!
Harald Erös, Ingenieurbüro Erös
Vom Convenience-Boom bis Quick Commerce: Was moderne Food-Formate für die Kältetechnik bedeuten
Prof. Dr. Carsten Kortum, Duale Hochschule Baden-Württemberg Heilbronn
Anforderungen an die Gewerbekälte im Lebensmitteleinzelhandel
Andreas Koch, Kaufland Stiftung & Co. KG
Fit für die Zukunft: In-House Trainings für die Gewerbekälte
Joachim Dallinger, Epta Deutschland GmbH
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Angewandte künstliche Intelligenz für Kältesysteme
Víctor Estévez, Gradhoc Smart, S.L.
Bedeutung der Ökodesign-Verordnung (EU) 2024/1834
Dr. Julien Grilliat, ebm-papst Mulfingen GmbH & Co. KGaA & Co. KG
Kühlintegrität: Was eine 30-prozentige Lücke im Wärmeübertrager für einen Supermarkt bedeutet
Thomas Michineau, Eurovent Certita Certification
