Allrounder mit Pflichtgefühl

Staatlich geprüfter Techniker Kälte- und Klimasystemtechnik

Technikerstudenten handeln überlegt. Denn nach ihrer Lehre und ersten Berufsjahren wagen sie bewusst den Schritt zurück auf die Schulbank. Es folgen vier intensive Studiensemester. Mit dem staatlich geprüften Abschluss und der Fachhochschulreife stehen ihnen viele Türen offen, häufig für Positionen mit Personal- und Projektverantwortung.

Pünktlich um 13:15 Uhr läutet die Glocke. An der Bundesfachschule Kälte-Klima-Technik (BFS) in Maintal ist Mittagspause. Marco Werth (24) und Simon Biedendieck (26) opfern an diesem Tag die Essenszeit für ein Gespräch zu ihren bisherigen Erfahrungen. Beide studieren bereits im dritten Semester, werden im Sommer 2019 ihre Prüfungen zum staatlich geprüften Techniker der Fachrichtung Kälte- und Klimasystemtechnik ablegen. Was hat sie dazu bewogen, nach ihrer abgeschlossenen Ausbildung zum Mechatroniker für Kältetechnik nochmals die Schulbank zu drücken? Warum wollen sie Techniker werden?

Es geht um mehr Verantwortung

„Ich fand immer bewundernswert, was durch unsere Techniker oder Projektleiter im Hintergrund alles geplant und geleistet wird“. Mit bereits vier Jahren Praxiserfahrung bei einem großen Kälte-Klima-Fachbetrieb weiß Simon Biedendieck genau, wie es im Anlagenbau läuft. „Das wird bei der täglichen Arbeit oft nicht angemessen wertgeschätzt. Darum habe ich mich mit Kritik auch immer zurückgehalten, wenn auf der Baustelle vielleicht einmal etwas nicht ganz rund lief.“ Biedendieck ahnte schon damals, wie viel Arbeit hinter der Planung oder Projektsteuerung von gewerblichen oder industriellen Kälteanlagen stecken muss. Darum entschied er sich ganz bewusst für diesen Weg, will selbst Verantwortung vom Schreibtisch aus, aber auch auf der Baustelle übernehmen. „Ich würde später gerne wieder in der Gewerbekühlung arbeiten und vielleicht Projekte für große Lebensmittelmärkte planen. Die damit verbundenen Aufgaben reizen mich schon sehr. Vielleicht werde ich aber auch einmal im Vertrieb arbeiten, da ist alles noch offen.“ Egal wie er sich entscheiden wird, die Verbindung seiner Praxiserlebnisse mit neuen projektbezogenen Studienerfahrungen ergibt die ideale Kombination für jeden Arbeitgeber, der verantwortungsvolle Kälte-Klima-Projekte zu bewältigen hat.

Ähnlich wie Simon Biedendieck stellt sich auch Marco Werth (24) seine Zukunft vor. „Ich will künftig Anlagen planen, darüber hinaus auch im Kundenkontakt bleiben. Die wesentlichen Tätigkeiten dafür sind ja fester Bestandteil des Technikerstudiums und enden im letzten Semester mit einer umfassenden Projektarbeit.“ Nach seiner Meinung ist die Technikerausbildung etwas für Handwerker, die über den Anlagenbau hinaus Spaß an mehr Verantwortung haben. „Die Arbeit während der 1 ½ Jahre draußen im Feld machte mir zwar Spaß, es fehlte aber irgendwann eine neue Herausforderung, um mich weiterentwickeln zu können. Dafür kam die Fortbildungsmöglichkeit zum Techniker genau richtig.“

Wie man Techniker wird

Welche Zugangsvoraussetzungen bestehen und wie man schließlich Techniker wird, weiß am besten der Leiter der Bundesfachschule, Dr. Ralf Catanescu, zu erklären. „Die Voraussetzung zur Aufnahme des Technikerstudiums ist in Hessen der Abschluss einer anerkannten Berufsausbildung, ein Berufsschulzeugnis und Berufspraxis von mindestens zwölf Monaten. Das trifft natürlich am ehesten auf junge MechatronikerInnen für Kältetechnik zu, meint aber auch artverwandte Berufe. Tatsächlich kamen bislang die allermeisten unserer Technikerstudenten aus dem Kälteanlagenbau. Es gibt aber Ausnahmen, wie beispielsweise Zeitsoldaten, die nach der Bundeswehr eine Fortbildung machen möchten.“

Wer zum Technikerstudium angenommen wurde, hat zwei anspruchsvolle Jahre mit insgesamt vier Semestern vor sich. Denn das Studium ist kein Klacks, braucht vor allem eine gehörige Portion Eigenmotivation und Lernwillen. Neben den fachlichen gibt es auch eine Reihe eher allgemeinbildender Fächer. Das regelt die „Verordnung über die Ausbildung und Prüfung an ein- und zweijährigen Fachschulen“, die den Rahmenlehrplan vorgibt.

„Deutsch, Englisch, Mathematik, Politik, Wirtschaft, Recht und Umwelt sind Fächer, in die sich unsere Studenten meist intensiver einarbeiten müssen als in die Lernfelder“. Roswitha Böhrer kennt die Tücken des Studiums. Sie ist eine von insgesamt zehn Lehrkräften an der BFS in Maintal, die die angehenden Techniker ausbilden. Im täglichen Schulbetrieb erlebt sie aber fast ausschließlich sehr motivierte Klassen und kennt auch den Grund dafür. „Unsere Technikerschüler investieren viel in ihre Weiterbildung. Bei einem zweijährigen Vollzeitstudium mit durchschnittlich 35 Unterrichtsstunden pro Woche bleibt darum kaum Zeit, um nebenbei zu arbeiten. Ein bestehendes Arbeitsverhältnis muss in aller Regel beendet werden. Und für die meisten Teilnehmer bedeutet das Technikerstudium auch einen Wohnortwechsel. Darüber hinaus wissen die meisten Interessenten, dass die schulischen Anforderungen deutlich höher sind als während ihrer Berufsausbildung, was ja auch einen anerkannt höheren Bildungsabschluss verschafft. Unter all diesen Gesichtspunkten bewirbt sich auf ein Technikerstudium, wer es mit aller Kraft auch abschließen möchte. Jeder Student ist im Unterricht also entsprechend motiviert bei der Sache.“

Lernfeldorientiertes Arbeiten

Mehr als 2/3 der zu absolvierenden 2760 Unterrichtsstunden befassen sich mit den sogenannten Lernfeldern. Darin geht es intensiv um die Belange der Kälte-, Klima- und Wärmepumpentechnik. Seien es die physikalischen und technischen Grundlagen, die Berechnungen ganzer Anlagen, Gestaltung verschiedenster Systeme, das Projektmanagement, betriebswirtschaftliches Handeln oder Rechts- und Sicherheitsvorschriften. „Mit den noch recht jungen Möglichkeiten des lernfeldorientierten Lehrens können wir heute sehr flexibel auf technische Innovationen und neue Anforderungen reagieren“, weiß der Geschäftsführer der Bundesfachschule, Jörg Peters. „Die Inhalte und Themen der insgesamt neun Lernfelder plus einer Projektarbeit stehen zwar fest, können von uns aber jederzeit nachjustiert und erweitert werden.“ Als anschauliches Beispiel nennt Peters die F-Gas-Verordnung und ihre Folgen. „Derzeit gibt es große Veränderungen im Kältemittelmarkt, die massive Auswirkungen auf die Systemtechnik haben werden. Vieles davon fällt in die Projektierungsverantwortung. Darauf können wir nun schnell reagieren und unseren angehenden Technikern in den Lernfeldern die Projektierung von Kälte-, Klima- oder Wärmepumpensystemen mit neuen HFOs oder natürlichen Kältemitteln erklären. Weil damit erhöhte Sicherheitsanforderungen oder schärfere Rechtsgrundlagen gelten, gehen wir auch darauf noch intensiver ein. So sind unsere Studenten nach ihrem Studium praxisgerecht ausgebildet und können ihre Arbeit ohne lange Anlaufzeit beginnen – ein großer Nutzen für jeden Arbeitgeber einerseits und die beste Bewerbung für unsere Absolventen auf der anderen Seite.“

Das Geheimnis erfolgreicher Absolventen

Nach vier Semestern plus Projektarbeit steht schließlich die Abschlussprüfung an. Dass die Erfolgsquote nahe bei 100 % liegt, ist ein weiterer Beleg dafür, dass Technikerstudenten konzentriert, hart und erfolgreich arbeiten. Simon Biedendieck, der im Internat der Bundesfachschule wohnt, und Marco Werth, der aus der Nähe von Maintal stammt, wissen dann auch das Geheimnis. „Unter den Studenten entwickelt sich sehr schnell ein enger Zusammenhalt. Man hilft sich gegenseitig, bildet Lerngruppen und bereitet Prüfungen gemeinsam vor. Es ist wie in einer Familie und schließlich verbringen wir in den zwei Jahren sehr viel Zeit miteinander. Das schweißt einfach zusammen.“

Wie schnell das geht, können Katharina Nestoras (22) und Tim Marschall (22) bezeugen, die sich inzwischen zur mittäglichen Gesprächsrunde hinzugesellt haben. Die beiden haben ihr Studium im August 2018 begonnen, sind ebenfalls beide gelernte Mechatroniker für Kältetechnik. „Wir sind zwar noch nicht lange an der Bundesfachschule, aber man merkt vom ersten Tag an, dass sich unsere Dozenten um jeden Studenten intensiv kümmern. Einige von uns haben länger pausiert oder bringen unterschiedliche Vorkenntnisse mit. Es wird sehr darauf geachtet, dass niemand vom Unterricht abgehängt wird.“ Was hilft, ist eine überschaubare Klassengröße von maximal 30 Studenten. Außerdem ist die Unterrichtsbeteiligung sehr hoch, denn keiner möchte Lernstoff versäumen und Gefahr laufen, seine Investition in das Studium und in die eigene Karriere zu gefährden.

Investition in eine sichere Zukunft

Alle vier Studenten erzählen, dass sie sich selbst um die Finanzierung des Studiums kümmern und zuvor ihre Arbeitsplätze formal gekündigt haben. Eine Weiterbeschäftigung hat keiner mit seinem bisherigen Arbeitgeber vereinbart, was bei einer Unterbrechung von zwei Jahren auch unüblich wäre. Aber alle haben das Angebot erhalten, gerne wieder zurückzukommen – kein Wunder in Zeiten des Fachkräftemangels. Bei zweien läuft die Finanzierung über eigene Rücklagen oder private Unterstützung. Simon Biedendieck nimmt staatliche Fördermöglichkeiten in Anspruch. „Das 2016 beschlossene Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz (AFBG) ermöglicht für unser Studium eine Förderung mit hohem Zuschussanteil. Noch besser hat es, wer Schüler-BAföG beantragen kann. Und auch die Rückzahlmodalitäten sind in beiden Fällen derzeit sehr gut.“ Wer diesen Weg gehen will, sollte sich über das Internet oder die Fördergeldgeber frühzeitig informieren, um kein Geld zu verschenken. Jede Lebenssituation muss tatsächlich individuell bewertet werden und was für den einen gilt, muss nicht automatisch für den anderen zutreffen. Bei Tim Marschall ist die Situation eine andere. Nach einem Arbeitsunfall konnte er seiner bisherigen Beschäftigung nicht mehr nachgehen, hat sein Schicksal aber beim Schopfe gepackt und die Chance der Techniker-Fortbildung genutzt. „Ich bin froh, diesen Weg gehen zu können, bei dem mir der Rentenversicherungsträger finanzielle Hilfe gewährt. Sonst wäre es wohl schwierig geworden.“

Auf gleicher Stufe mit Meister und Bachelor

Am Ende des vierten Semesters steht schließlich die Abschlussprüfung zum staatlich geprüften Techniker Kälte- und Klimasystemtechnik. Hinzu kommt eine Mathematikprüfung, mit deren Bestehen die zusätzliche Fachhochschulreife bescheinigt wird. Der eine oder andere Absolvent ergreift im Anschluss an das Technikerstudium die Möglichkeit, an der ESaK oder einer anderen Hochschule zu studieren.

Mit dem Technikerabschluss ist außerdem vergleichsweise einfach eine Meisterprüfung im Kälteanlagenbau möglich. Die Theorieprüfung wird anerkannt und es muss nur noch Teil I (Fachpraxis) sowie die Teile III (Rechts- und Wirtschaftskunde) und IV (Berufs- und Arbeitspädagogik) abgelegt werden, was innerhalb von wenigen Wochen realisierbar ist. Rund 10 % der Studenten machen nach ihrem Studium von dieser Möglichkeit Gebrauch.

Laut Deutschem Qualifikationsrahmen DQR sind die Abschlüsse Meister, Techniker und Bachelor gleichgestellt. Er ist ein Instrument zur Einordnung der Qualifikationen des deutschen Bildungssystems, soll zum einen die Orientierung im deutschen Bildungssystem erleichtern und zum anderen zur Vergleichbarkeit deutscher Qualifikationen in Europa beitragen. Um transparent zu machen, welche Kompetenzen im deutschen Bildungssystem erworben werden, definiert der DQR acht Niveaus, die auch denen des Europäischen Qualifikationsrahmens (EQR) gleichen. Alle drei Abschlüsse „Meister im Kälteanlagenbauer-Handwerk“, „Staatlich geprüfter Techniker Kälte- und Klimasystemtechnik“ und „Bachelor of Science Kälte-/Klimasystemtechnik“ erreichen das dritthöchste Niveau 6 des DQR.

Wohin die Wege der vier Studenten aus Maintal führen werden, weiß derzeit noch keiner zu sagen. Aber mit bestandener Prüfung stehen viele Türen offen, davon sind alle überzeugt. Mit diesem Ziel vor Augen geht es motiviert zurück in die Klassenzimmer, denn gerade hat die Pausenglocke die Mittagspause wieder beendet.

Steckbrief „Staatlich geprüfter Techniker Kälte- und Klimasystemtechnik“

Voraussetzungen: Abgeschlossener einschlägiger Ausbildungsberuf und mindestens zwölf Monate Berufserfahrung oder fünf Jahre in einschlägiger Tätigkeit und Eignungsnachweis

Studienmöglichkeit:   Bundesfachschule Kälte-Klima-Technik (BFS) in Maintal


Dauer des Studiums: Zwei Jahre (vier Semester) in Vollzeit                    


Umfang: Ca. 2.760 Unterrichtsstunden in sechs allgemeinen Pflichtfächern und neun Lernfeldern, plus einer abschließenden Projektarbeit


Abschluss: Staatlich geprüfter Techniker Kälte- und Klimasystemtechnik; Fachhochschulreife bei bestandener Abschlussprüfung Mathematik


Fördermöglichkeiten: Die BFS gehört zum Verzeichnis förderfähiger Schulen in Hessen und erfüllt alle Kriterien des Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetzes (AFBG); weitere Informationen unter www.aufstiegs-bafoeg.de; unter bestimmten Voraussetzungen wird auch Schüler-Bafög gewährt


Weitere Infos / Anmeldung: www.bfs-kaelte-klima.de/techniker

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