Bildungsabbau beginnt in der Grundschule

Als Ausbilder in einem Kältefachbetrieb und Honorarlehrer erlebe ich seit Jahren hautnah, was Statistiken nur unzureichend abbilden: Das Bildungsniveau junger Menschen sinkt kontinuierlich – insbesondere beim Lesen, Schreiben und Rechnen. Dieser Abwärtstrend ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Fehlentscheidungen in der Bildungspolitik.

Bereits seit den 1980er-Jahren werden die elementaren Grundlagen systematisch vernachlässigt. Heute können viele Jugendliche Texte nicht sinnerfassend lesen, einfache Rechtschreibung nicht sicher anwenden und grundlegende Rechenaufgaben nicht lösen. Dreisatz, das kleine Einmaleins oder sauberes schriftliches Rechnen stellen für angehende Auszubildende oft ein unüberwindbares Problem dar.

Statt diesen Mangel entschieden zu beheben, wird nun erneut in der Grundschule experimentiert. Grundlegende Rechenarten wie die Division werden durch immer neue Methoden unnötig verkompliziert. Kinder lernen Rechenwege, aber nicht mehr das Rechnen. Sie werden mit Stoff überfrachtet, den sie später nie wieder brauchen, während die entscheidenden Fähigkeiten auf der Strecke bleiben.

Lesen lernen heißt heute oft nur noch „irgendwie entziffern“, Schreiben wird zugunsten freier Ausdrucksformen toleriert, und Rechnen verliert seine Verbindlichkeit. Fehler werden relativiert, Leistung wird nivelliert, Übung gilt als rückständig. Das Ergebnis sehen wir täglich in den Betrieben, Berufsschulen und letztlich auch in den internationalen Vergleichsstudien wie PISA, in denen Deutschland seit Jahren hinterherläuft.

Bildungspolitik muss endlich aufhören, Kinderhirne als Versuchslabore zu missbrauchen. Was unsere Gesellschaft braucht, sind junge Menschen, die Texte verstehen, sich klar ausdrücken und sicher rechnen können. Das sind keine überholten Tugenden, sondern die Grundlage jeder Ausbildung, jeder Facharbeit und jeder funktionierenden Demokratie.

Es ist höchste Zeit, sich wieder auf das Wesentliche zu konzen­trieren: solide Grundlagen statt ideologischer Experimente. Alles andere ist verantwortungslos gegenüber der nächsten Generation.

Volker Girschner

(ehem. Obermeister der Innung für Kälte- und Klimatechnik ­Bremen-Oldenburg)




Das Editorial ist normalerweise der Redaktion vorbehalten. Es bietet Raum für Meinungen, gerade auch kritische Meinungen. So haben wir uns entschlossen,
an dieser Stelle gelegentlich auch bekannte Persönlichkeiten aus der Branche zu Wort kommen zu lassen – insbesondere, wenn es sich um ein Thema handelt,
das den Kern unserer Leserschaft umtreibt. Wie gesagt, es ist eine Meinung und
ein Dialog ist ausdrücklich gewünscht.
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