Weltweite Projekte zur Luftqualität in Innenräumen
Aufmerksamkeit und Verständnis für Raumklimaqualität und Energieeffizienz
Viele alltägliche Aktivitäten spielen sich in Innenräumen ab – in Wohngebäuden, am Arbeitsplatz, in Bildungs- und Freizeiteinrichtungen. Daher hat die Qualität der Raumluft erheblichen Einfluss auf die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit. Es ist also an der Zeit, die gesundheitlichen Risiken schlechter Innenraumluft systematisch zu reduzieren, Monitoring und Messungen zu fördern, nationale Aufklärungskampagnen und gesetzliche Maßnahmen anzustoßen sowie internationale Standards zu entwickeln und zu harmonisieren. Derzeit setzen verschiedene Projekte und Initiativen an genau dieser Stelle an. Um die Bedeutung zu veranschaulichen, bietet sich ein Vergleich zur Entwicklung der Trinkwasserhygiene an.
Uns allen ist klar, dass Verunreinigungen im Trinkwasser – auch wenn sie für uns nicht sichtbar sind – schwerwiegende Folgen haben können. Deshalb gibt es hohe gesetzliche Trinkwasserschutzstandards, auf deren Einhaltung wir uns verlassen.
Obwohl die meisten Inhaltsstoffe der Atemluft ebenfalls unsichtbar sind, verdeutlichen uns die jährlichen Grippewellen die Ansteckungsgefahr über die Luft. Noch deutlicher ist während der Corona-Pandemie ins Bewusstsein gerückt, dass Krankheitserreger auch über luftgetragene Aerosole verbreitet werden können. Die Raumluftqualität kann aber nicht nur durch Keime beeinträchtigt werden. Sie verschlechtert sich auch, wenn durch unzureichende Lüftung der Gehalt an CO2, Feinstaub und anderen Schadstoffen steigt. Zudem beeinflussen Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit unsere Gesundheit und Leistungsfähigkeit.
Von der Erkenntnis zur Umsetzung
Wissenschaftliche Erkenntnisse setzen sich im Zweifel nur langsam durch, vor allem, wenn sie von bisher vorherrschenden Meinungen abweichen. Ein anschauliches Beispiel sind die Untersuchungen des Mediziners John Snow (1813 bis 1858) zur Trinkwasserhygiene. Er hatte die Ausbreitung der Cholera auf Mikroorganismen im Trinkwasser zurückgeführt und während einer Cholera-Epidemie im Jahr 1854 in London Maßnahmen empfohlen, die sich als erfolgreich erwiesen. Dennoch war es ihm nicht vergönnt, zu Lebzeiten die wissenschaftliche Anerkennung zu erfahren, die seine Arbeiten zur Eindämmung der Cholera-Epidemie verdienten. Heute ist allgemein anerkannt, dass Verunreinigungen im Trinkwasser erhebliche Gesundheitsrisiken mit
sich bringen.
Wenn Erkenntnisse endlich wissenschaftlich akzeptiert sind, dauert es weitere Jahre oder Jahrzehnte, bis sie in Politik und Gesellschaft ankommen und in der Feststellung münden, dass Maßnahmen erforderlich sind. Werden die Maßnahmen übernommen, z. B. in die allgemein anerkannten Regeln der Technik, folgt nach und nach die Umsetzung. Auch sie erstreckt sich dann oftmals noch über einen sehr langen Zeitraum.
Internationale Projekte und Initiativen
Es ist also höchste Zeit, dass sich die Wissenschaft weltweit auf den Weg macht, gesunder Atemluft und gesunder Innenraumqualität die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die ihr gebührt. Aktuell laufen unterschiedliche Projekte an, die das Wissen um eine gute Innenraumqualität und die notwendigen Maßnahmen ins Bewusstsein von Entscheidern und Bevölkerung rücken sollen.
Engagement für eine weltweite Verpflichtung
Im September 2025 fand am Rande der UN-Generalversammlung in New York ein hochrangiges Side-Event unter dem Titel „Healthy Indoor Air – A Global Call to Action“ („Gesunde Raumluft – Ein weltweiter Aufruf zum Handeln“) statt. Ziel der Initiative war, die Bedeutung der Innenraumluftqualität (IAQ) weltweit stärker ins Bewusstsein zu rücken, den dringenden Handlungsbedarf zu verdeutlichen und erfolgreiche Praxisbeispiele sowie konkrete Handlungsimpulse zu setzen. Darüber hinaus wollten die Initiatoren eine Plattform schaffen, die neue Netzwerke fördert, internationale Kooperationen stärkt und innovative Möglichkeiten für Forschung, Politik und Industrie eröffnet. Im Rahmen der Veranstaltung wurde der „Global Pledge for Healthy Indoor Air“ (www.airclub.org/pledge) initiiert, der weltweit konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Raumluftqualität anstoßen soll.
Gesunde Raumluft ist nicht nur ein gesundheitliches, sondern auch wirtschaftliches und gesellschaftliches Thema. Durch die Vernetzung von Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft wollte die Veranstaltung einen globalen Impuls für Maßnahmen und Lösungen liefern, damit Menschen weltweit in allen Innenräumen sicher und gesund atmen können.
Kommission für gesunde Raumluft
Bei der UN-Klimawoche, die parallel zur UN-Generalversammlung in New York stattfand, wurde auf Initiative des International WELL Building Institute (IWBI) die „Global Commission on Healthy Indoor Air“ (www.t1p.de/global-commission-IAQ) gegründet, eine internationale Kommission für gesunde Raumluft. Sie vereint rund 170 führende Expertinnen und Experten aus über 30 Ländern – aus dem Gesundheitswesen, der Wissenschaft, der Wirtschaft und dem Bauwesen. Ihr Ziel ist, die oft unterschätzten Risiken schlechter Innenraumluft anzugehen, die für jährlich über drei Millionen vorzeitige Todesfälle mitverantwortlich sind.
Die Kommission will einen globalen Aktionsrahmen entwickeln, politische Maßnahmen vorantreiben, zu Investitionen motivieren und das öffentliche Bewusstsein stärken. Angesichts der Tatsache, dass Menschen rund 90 % ihrer Zeit in Innenräumen verbringen, sollen praktikable und bezahlbare Lösungen für Wohnungen, Arbeitsplätze und öffentliche Gebäude schneller umgesetzt werden, um Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Lebensqualität weltweit zu verbessern.
Raumluftqualität als Anliegen für die Gesundheit der Bevölkerung
Krankheiten wie Influenza, Masern und COVID-19 werden auch über die Luft übertragen und stellen ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar. Schimmel, flüchtige organische Verbindungen, Radon und andere Luftschadstoffe beinträchtigen die Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Produktivität erheblich. Trotz der wissenschaftlichen Erkenntnisse um diese Risiken ist die Luftqualität in vielen Gebäuden, etwa in Schulen und Krankenhäusern, unzureichend. Experten fordern daher, die Raumluftqualität mit hoher Priorität als globalen Faktor für die Gesundheit der Bevölkerung zu behandeln – gleichrangig mit der Trinkwasser- und der Lebensmittelsicherheit. Daher solle das Thema in die Agenda der Weltgesundheitsversammlung (WHA) aufgenommen werden.
Damit die vorhandenen technischen Lösungen zur Messung und Verbesserung der Raumluftqualität konsequenter umgesetzt werden, sind international politische Schritte erforderlich. Das Projekt „Improving indoor air quality: a public health issue“ (Verbesserung der Raumluftqualität: Thema der öffentlichen Gesundheit, https://t1p.de/improve-iaq) strebt deshalb eine Resolution der Weltgesundheitsversammlung (WHA) an, die dann als Leitfaden für evidenzbasierte Strategien und Maßnahmen dienen kann.
Gesellschaft für Raumluftqualität
Die Indoor Air Quality Society (Gesellschaft für Raumluftqualität, www.iaqsociety.org) will das Bewusstsein für die vielfältigen Gesundheitsprobleme schärfen, die direkt mit schlechter Raumluftqualität zusammenhängen. Der gemeinnützige Verein setzt das Wissen und die Dynamik seines Netzwerks ein, um eine Debatte zwischen Branchenexperten, Forschern, Regulierungsbehörden, Regierungsvertretern und Verbrauchern anzuregen. Es ist ihr ein Anliegen, die Öffentlichkeit für gute Raumluftqualität zu sensibilisieren und die vielen falschen Vorstellungen in diesem Bereich auszuräumen.
Forschungsprojekt für praktische Lösungen
Die Luftverschmutzung in Innenräumen stellt ein zunehmendes Gesundheitsrisiko in Europa dar und wird jährlich mit Millionen von Todesfällen in Verbindung gebracht. Die Menschen verbringen bis zu 90 % ihrer Zeit in Innenräumen. Bei schlechter Raumluftqualität sind sie etliche Stunden am Tag schädlichen Stoffen ausgesetzt. Studien zeigen, dass schlechte Innenraumluftqualität unter anderem bis zu 15 % der COVID-19-bedingten Todesfälle mitverursacht haben könnte.
Es wurde und wird zwar zur Raumluftqualität geforscht, das Wissen über Schadstoffquellen, Luftaustausch und Filterung ist dennoch begrenzt, weil die Europäische Union vor allem die Außenluft überwacht und Vorschriften für Innenräume fehlen. Das Projekt „Evidence driven indoor air quality improvement“ (Evidenzbasierte Verbesserung der Raumluftqualität, https://ediaqi.eu/) will dies ändern: 18 Organisationen aus elf europäischen Ländern arbeiten zusammen, um neue Leitlinien, Messmethoden und leicht zugängliche Informationen über Schadstoffe, Expositionswege und Risiken zu entwickeln. Ziel ist es, praktische, kostengünstige Lösungen für die Überwachung und Verbesserung der Raumluft zu schaffen und das Bewusstsein für die gesundheitlichen Folgen von schlechter Luftqualität zu stärken.
Anforderungen der EPBD für Gesundheit und Energieeffizienz
Die aktuelle Fassung der Europäischen Gebäuderichtlinie (EPBD, www.t1p.de/EPBD-2024-1275) vom 24. April 2024 setzt einen wichtigen Meilenstein: Sie berücksichtigt die Raumklimaqualität als bedeutendes Kriterium neben der Energieeffizienz. Um die EU-Mitgliedsstaaten bei der Umsetzung der EPBD zu unterstützen, hat die Europäische Kommission im Dezember 2025 Leitlinien zu den neuen oder wesentlich geänderten Bestimmungen veröffentlicht (www.t1p.de/C-2025-6438). Anhang 10, Abschnitt 3, der Leitlinien, geht konkret auf die Raumklimaqualität ein.
Beim Festlegen von Mindestanforderungen an die Gesamtenergieeffizienz von neuen Gebäuden müssen die Mitgliedsstaaten die Raumklimaqualität berücksichtigen. Sie umfasst thermischen Komfort, Raumluftqualität, relative Luftfeuchtigkeit und Schadstoffbelastungen. Die EPBD fordert, dass zukünftig die Raumluftqualität in neuen oder umfassend renovierten Nichtwohngebäuden überwacht wird. Für Wohngebäude steht es den Mitgliedstaaten frei, ob sie dies vorschreiben. Empfohlen wird unter anderem die Überwachung der CO2-Konzentration als wichtiger Indikator für die Raumluftqualität und den Lüftungsbedarf. Durch die Messung der Feinstaubkonzentration (PM2.5) lässt sich zudem einschätzen, wie sich interne Emissionsquellen und die Qualität der Außenluft auswirken bzw. ob die Zuluft angemessen gefiltert wird.
Nicht in allen Bereichen eines Gebäudes muss die Raumluftqualität gemessen und gesteuert werden. Deshalb sollten die Mitgliedsstaaten festlegen, für welche Bereiche oder Raumkategorien sie die Messung und Steuerung vorschreiben. Beim Definieren der Anforderungen an die Raumklimaqualität kann in Deutschland auf die DIN EN 16798-1 zurückgegriffen werden. Je nach Gebäudeart können sich die Anforderungen unterscheiden.
In den Leitlinien zur EPBD wird betont, dass die Gewährleistung der Raumluftqualität mit besseren Lebensbedingungen und der Minimierung von Gesundheitsrisiken im Gebäude verbunden ist. Zwar kann dies unter Umständen zu einem höherem Energieverbrauch führen, die Alternative wäre jedoch ein ungesundes Raumklima. Es gibt aber auch Lösungen, die den Energieverbrauch verringern und gleichzeitig die Raumklimaqualität verbessern. Dazu gehört beispielsweise die bedarfsgeregelte Lüftung mit Wärmerückgewinnung, mit der sich Lüftungswärmeverluste und damit der Heizenergieverbrauch verringern lassen.
Durch den Klimawandel steigt zudem die Bedeutung des sommerlichen Wärmeschutzes. Mit passiven Maßnahmen wie Sonnenschutz, Nachtlüftung und thermischer Masse lässt sich die Kühllast des Gebäudes verringern. Wenn sie nicht ausreichen, können aktive Kühllösungen genutzt werden, um Komfort und Gesundheit zu gewährleisten.
Wissen in Maßnahmen umsetzen
Eine hohe Raumklimaqualität und Energieeffizienz gehören zusammen, um nachhaltige, gesunde Gebäude zu schaffen, in denen sich die Menschen wohlfühlen. Mit Raumlufttechnischen Anlagen lässt sich nutzerunabhängig eine gute Raumluftqualität erreichen, die einerseits unser Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit verbessert und andererseits dazu beitragen kann, die Gesundheitskosten zu verringern.
Die Umsetzung der EPBD ist ein wichtiger Baustein für ein besseres Raumklima. Darüber hinaus sollte es mit dem Wissen von heute schneller als zu Zeiten des Mediziners John Snow gelingen, wissenschaftliche Erkenntnisse in Regelwerke zu übernehmen, damit wirksame Maßnahmen für die Gesundheit der Bevölkerung umgesetzt werden. Dafür ist es wichtig, Aufmerksamkeit und Verständnis (Awareness) für Nutzen und Notwendigkeit einer gesunden Raumluft zu erreichen – bei allen, die Gebäude nutzen, betreiben, errichten, planen oder finanzieren und auch beim Gesetzgeber.
