Großwärmepumpen als Schlüsseltechnologie der Energiewende

Neue VDI‑Richtlinie 4646 zeigt praxisnahe Wege zur industriellen Anwendung

Die endliche Verfügbarkeit, die Umweltauswirkungen, die geopolitischen Abhängigkeiten und die damit einhergehenden finanziellen Belastungen haben bei der Anwendung fossiler Energieträger zur Wärmeerzeugung nachhaltig zum Umdenken in der Wirtschaft geführt. Die Energiewende erhält dadurch neue Impulse und wird stetig und unumkehrbar vorangetrieben. Bereits in den 1980er-Jahren warben Kältefachleute aus der Praxis unter anderem mit Fachlektüre für die Anwendung von Wärmepumpen mit großer thermischer Leistung für Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft 1. Jetzt haben sich abermals Experten aus Forschung und Industrie im Rahmen des VDI 4646 Richtlinienausschusses „Anwendung von Großwärmepumpen“
zusammengefunden.

Großwärmepumpen mit thermischen Leistungen über 100 kW gelten weltweit als unverzichtbare Bausteine zur Erreichung der Klimaschutzziele. Sie erschließen bisher ungenutzte Potenziale aus diversen nutzbaren Wärmequellen, ermöglichen hohe Vorlauftemperaturen für die Wärmesenken bei industriellen Prozessen und leisten – insbesondere in Fernwärmenetzen – einen direkten Beitrag zur Abkehr und Reduktion von fossilen Energieträgern zur Wärmeerzeugung.

Über mehrere Jahre hinweg hat die VDI‑Expertengruppe praxistaugliche Methoden erarbeitet, die zur Unterstützung der Planung von Großwärmepumpen-Projekten sowie für deren energetische und wirtschaftliche Bewertung herangezogen werden können. Zudem hat sie die wesentlichen Einflussfaktoren für den Betrieb erörtert. Nun liegt mit der Veröffentlichung des Weißdrucks der VDI Richtlinie 4646 2 ein umfassendes technisches Regelwerk vor, das Unternehmen, Planer und Betreiber systematisch bei der Integration großer Wärmepumpensysteme unterstützt. Die Richtlinie gibt Hinweise für Anwendungen jenseits der kleineren und mittleren Wohngebäude – also für Nichtwohngebäude, Quartiere, Gewerbe, Industrie und die leitungsgebundene Wärmeversorgung.

 

Breite Anwendungsfelder –
von Sportstätten bis zu ­Hochtemperaturprozessen

Anhand zahlreicher Beispiele zeigt die Richtlinie, wie vielseitig Großwärmepumpen einsetzbar sind:

Land- und Forstwirtschaft: Trocknungsprozesse, Gewächshausbeheizung

Lebensmittelindustrie: Reinigungs- und Prozesswärme

Sportstätten: gleichzeitiger Kälte- und Wärmebedarf, etwa in Eishallen und naheliegenden Schwimmbädern

Industrie: Nutzung von Abwärme aus Spritzguss, Sinter- oder Elektrolyseprozessen

Fernwärmenetze: Einspeisung von Wärme aus Kühl-, Fluss- oder Abwasser, von Industrie- oder Rechenzentrumsabwärme

Beispiele wie die iKWK-Anlagen der Stadtwerke Rosenheim oder die vier Großwärmepumpen von „Hamburg Wasser“ (Projekt Elbinsel Dradenau), die ab 2026 Wärme aus gereinigtem Abwasser gewinnen, in das zentrale Fernwärmenetz einspeisen und so rund 39.000 Haushalte versorgen werden, verdeutlichen das enorme Skalierungspotenzial im kommunalen Wärmesektor.

Ob Energieversorger, Städte und Kommunen, globale Industrie- und Fertigungsunternehmen oder Krankenhäuser: 2024 konnten Kunden von Johnson Controls ihre Betriebskosten dank der Wärmepumpenlösungen im Schnitt um 53 % senken und ihre CO2-Emissionen, verglichen mit konventionellen Gasheizungen, um 60 %
reduzieren.

Praxisorientierte Grundlagen –
von der Datenerfassung bis zur Machbarkeitsanalyse

Ein zentrales Element der VDI‑Richtlinie 4646 ist der strukturierte Prozess zur Grundlagenermittlung, der alle wesentlichen technischen, betrieblichen und wirtschaftlichen Parameter berücksichtigt. Dazu gehören:

detaillierte Analyse bestehender Kälte- und Wärmeversorgungsanlagen

Erfassung von Lastgängen, Temperaturbereichen und Volumenströmen

Bewertung von Wärmequellen und Wärmesenken (Temperaturbereiche, Jahresverlauf, Verschmutzung, Regeneration)

bauliche Rahmenbedingungen (Platzbedarf, Zugänglichkeit, Rückkühlung, Energieversorgung)

Die Richtlinie stellt hierfür Checklisten, Diagramme sowie ein Entscheidungsmodell zur Integration bereit. Sie erlaubt damit eine systematische Machbarkeitsabschätzung – ein wesentlicher Schritt vor jeder Investition.

Technische Vielfalt – Kältemittel, Systemkonzepte und Temperaturhübe

Großwärmepumpen arbeiten in einem breiten Anwendungsfeld zwischen Temperatur- und Leistungsanforderungen. Die Richtlinie liefert hierzu erstmals einen übergeordneten Überblick:

Auswahl geeigneter Kältemittel (z. B. CO2, Ammoniak, Propan, Buthan, Wasser)

typische Einsatzbereiche und Temperaturhübe

Varianten wie getrennte Systeme, Wärme‑Kälte‑Kopplung und Hochtemperatur-Wärmepumpen

Besonders wertvoll sind die enthaltenen Diagramme zur Abschätzung von Energieeffizienz in Form von COP‑Werten und von Wirtschaftlichkeitskennzahlen. Sie erlauben eine frühzeitige Bewertung auch komplexer Anwendungen.

Wirtschaftlichkeit und CO2‑Vorteile im Fokus

Ein großer Teil der neuen VDI‑Richtlinie widmet sich darüber hinaus der Kosten- und Emissionsbewertung. Sie zeigt beispielsweise:

LCOH‑Vergleiche (Levelized Cost of Heat) zwischen Wärmepumpe, Standard-Wärmepumpe und Gas‑Brennwertkessel

Einfluss des Temperaturhubs auf die Wirtschaftlichkeit

Abhängigkeiten vom Strom‑ zu Gaspreis-Verhältnis

Abschätzung der CO2‑Einsparungen im Jahresbetrieb

Anhand von praktisch auswertbaren Nomogrammen und mittels anschaulicher und in ampelfarben gestalteter Orientierungshilfen werden die komplexen Zusammenhänge dargestellt, welche in Beispielen unter diversen Randbedingungen einfach und nachvollziehbar erläutert werden.

Diese Instrumente ermöglichen Unternehmen fundierte Investitionsentscheidungen und machen deutlich, dass Großwärmepumpen – abhängig vom Temperaturhub – schon heute klare wirtschaftliche Vorteile bieten können.

Praxisbeispiele und ­Planungsleitfäden

Besonders praxisrelevant sind die ausführlich dokumentierten exemplarischen Anwendungen, unter anderem:

Abwasser- und Prozesswärmenutzung

Hochtemperaturwärmepumpe mit 120 °C Vorlauftemperatur

Nahwärmenetze in Gewerbegebieten

Rücklaufanhebung in BHKW-Systemen

Nutzung von Spritzguss-Abwärme

Ergänzt werden diese durch Kapitel zu typischen Planungsfehlern, Empfehlungen zur Anlagenauslegung, zur MSR-Technik und zu Betriebskonzepten.

Fazit: Ein Meilenstein für die ­
Abkehr und Reduktion von fossilen Energieträgern für Industrie und Fernwärme

Mit der VDI‑Richtlinie 4646 steht der Branche erstmals ein standardisiertes, praxistaugliches Instrumentarium zur Verfügung, das den gesamten Planungsprozess einer Großwärmepumpe abbildet – von der ersten Potenzialanalyse bis zur wirtschaftlichen Bewertung und zum Betrieb.

Der Weißdruck von VDI 4646 „Anwendung von Großwärmepumpen“ ist seit 1. Mai 2026 in deutscher und englischer Sprache verfügbar und wird künftig einen zentralen Referenzpunkt für Planer, Energieversorger, Industriebetriebe und Kommunen bilden. Großwärmepumpen entwickeln sich damit endgültig zu einem Kernbestandteil der klimafreundlichen Energieversorgung – technisch ausgereift, wirtschaftlich tragfähig und vielseitig einsetzbar.

Für die speziellen Anwendungen von Hochtemperaturwärmepumpen, welche typischerweise zum Beispiel im Bereich von Wärmesenken-Temperaturen über 100 °C arbeiten, ist gegenwärtig ein weiteres Blatt der VDI-Richtlinie in Vorbereitung.

x

Thematisch passende Artikel:

Neue VDI-Richtlinie

Die neue Richtlinie 2047 Blatt 2 des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) regelt seit Beginn 2015 den hygienegerechten Betrieb von Verdunstungskühlanlagen. Statistiken aus den vergangenen Jahren haben...

mehr

Webapplikation zur VDI-Richtlinie 3805

Die Webapplikation des Bundesverbandes der Deutschen Heizungsindustrie (BDH; www.bdh-koeln.de) zur VDI-Richtlinie 3805 ist ein unabhängiges Portal, das nicht mit einer Verbandsmitgliedschaft...

mehr

Neue VDI-Richtlinie zum verlässlichen Datenaustausch in BIM-Projekten

Die Richtlinienreihe VDI 2552 widmet sich Building Information Modeling (BIM) von den Grundlagen bis hin zu detaillierten Vorgaben für alle Beteiligten. Sie gibt allen an Planen, Bauen und Betreiben...

mehr

Wärmepumpenseminar nach VDI 4645

Erster Termin der zweitätigen Präsenzschulung Anfang Februar

Um die ehrgeizigen Ziele der Politik mit 500.000 installierten Wärmepumpen pro Jahr ab 2024 umzusetzen, benötigt es nicht nur die Geräte, sondern auch tiefgreifende Weiterbildung und Wissen, wie...

mehr