Trittbrettfahren – oder wie viele Körner ergeben einen Haufen?

Kommt es auf diese Kleinigkeit an?

Der Wettbewerbsdruck ist auch in der Kältetechnik aufgrund der schwachen Wirtschaftsentwicklung unverändert groß, der Druck, die eigenen Kosten gering zu halten, unverändert. Dabei ist der sparsame Ressourcenverbrauch ein wesentlicher Aspekt des wirtschaftlichen Erfolgs und gewinnt tendenziell an Bedeutung. Doch ab wann machen „Kleinigkeiten“ wie brennendes Licht im leeren Büro oder offene Hallentüren aufgrund ihrer Häufigkeit einen relevanten Unterschied?

Appelle zum sparsamen Verbrauch mögen sinnvoll sein, erreichen jedoch nicht alle Mitarbeiter. Die Betroffenen fragen sich bei aller Relevanz des Ressourcenverbrauchs, ob ihr Verhalten, ihre Verhaltensänderung tatsächlich einen Unterschied verursacht, einen nennenswerten, messbaren Beitrag leistet, um den Ressourcenverbrauch zu senken und die Wirtschaftlichkeit zu verbessern. Sanktionen von Fehlverhalten tragen kaum zur Verhaltensanpassung bei. Eine „Nulltoleranzpolitik“ ist kaum praktikabel, wirkt lebensfremd. Kann mittels einer Stoppuhr kontrolliert werden, wie lange das Licht im Büro brennt? Sollen Mitarbeiter dafür bestraft werden, wenn die Temperatur am Arbeitsplatz 1 Grad über der Vorgabe liegt? Steht ein Kontrolleur neben der Hallentür und fordert zum unmittelbaren Schließen auf, wenn ein Lieferant eingefahren ist? Wer mag diese Vorgaben kontrollieren? Legt sich der Inhaber mit Thermometer und Stoppuhr auf die Lauer?

Damit stellt sich eine altbekannte, seit der Antike bekannte Frage: Wie viele Körner ergeben einen Haufen? Wann führen unscheinbare Handlungen aufgrund ihrer Anzahl zu einem wahrnehmbaren Unterschied? Unternehmer können, ja sollen, diese Frage mit ihren Mitarbeitern besprechen. Nicht als praxisfernes Denkmodell, sondern als Handlungshilfe im beruflichen
Alltag.

Eine antike Fragestellung

Wann entsteht aus einem Nichthaufen ein Haufen? Nicht, wenn einem Roggenkorn ein zweites hinzugefügt wird, und auch nicht, wenn ein drittes hinzukommt. Irgendwann ist es aber so weit: ein Haufen ist entstanden. Dennoch kann keiner eine exakte Zahl von Roggenkörnern benennen, ab denen ein Haufen vorliegt. Diese Frage beschäftigt als sogenannte Sorites-Paradoxie seit der Antike die Menschen. Eine einfache Antwort wurde allerdings nicht gefunden.

Dennoch ist die Frage von großer Bedeutung für jeden Einzelnen, für jede Gemeinschaft, für jeden Kältefachbetrieb – ganz konkret beim Ressourcenverbrauch. Nur weil die Beleuchtung drei Minuten länger brennt, das Tor zum Lager nicht sofort geschlossen wird, auf dem Weg zum Kunden am Bahnübergang der Motor weiterläuft, werden die Kosten kaum messbar ansteigen. Wenn sich jedoch alle Betriebsangehörigen dauerhaft so verhalten mit Sicherheit. Wo die exakte Grenze liegt, wo aus dem Roggenkorn ein Haufen wird, kann nicht exakt festgelegt werden.

Grundsätzlich stellt sich die Frage für die gesamte Gesellschaft. In welcher Welt wollen, in welcher Welt werden wir leben? Ein Haus im Naturschutzgebiet verändert weder dessen Charakter noch die Schutzwürdigkeit – ebenso wenig ein zweites oder drittes, aber irgendwann wird aus dem Nichthaufen ein Haufen und das Gebiet ist nicht mehr schützenswert. Keine Gesellschaft kann funktionieren, wird fortbestehen, wenn eine bestimmte Anzahl von Menschen, die so denken und handeln, überschritten wird, das sogenannte Trittbrettfahren einen gewissen Punkt überschreitet.

Dennoch bliebt das aufgezeigte Problem bestehen: Es gibt keine klaren Grenzen, keinen Entscheider der „Haufen“ definieren kann, kein Raum- oder Gewichtsmaß, keinen Geldbetrag, der die ultimative Lösung ist, keinen Betriebsleiter, der die Grenze quantifizieren kann. Genaue Grenzen fördern sogar eher die Trittbrettfahrer-Mentalität, weil Betroffene erkennen, dass ein Haufen (noch) nicht gebildet, eine Grenze noch nicht erreicht bzw. durch ihr Handeln überschritten wird. So wird die Ansicht bestätigt, dass das eigene Trittbrettfahren für die Gemeinschaft ohne erkennbare Folgen bleibt.

Lösungsansätze in Unternehmen und Gesellschaft

In Familien, in kleinen Gemeinschaften als soziale und wirtschaftliche Keimzelle bliebt Trittfahren weder unbemerkt noch folgenlos. Sanktionen folgen unmittelbar für den Einzelnen, der mehr nimmt, als ihm zusteht. Größere Gemeinschaften benötigen Regeln, um Trittbrettfahren zu vermeiden. Damit sind Unternehmen eher mit dem Trittbrettfahren konfrontiert als Familien, werden im Betrieb eher Ressourcen verschwendet als im privaten Umfeld.

Bei der Entwicklung von Lösungen werden zwei unterschiedliche Vorgehensweisen miteinander verbunden. Die erste Lösung bestand früher in Verhaltensvorgaben, die meistens religiös fundiert waren, wobei die Zehn Gebote den bekanntesten Katalog darstellen. Neun Gebote sind negativ formuliert: „Du sollst nicht …“. Eine Ergänzung stellen generelle Verhaltensnormen dar, wie sie Jesus in der Vorgabe: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ aufgestellt hat. Der Kategorische Imperativ von Immanuel Kant zielt in die gleiche Richtung: „Handel stehts so, dass dein Handeln die Grundlage eines allgemeinen Gesetzes sein kann“.

Menschliches Handeln erfolgt jedoch selten eindeutig. Ist eine Abweichung ein „Verstoß“ oder allenfalls eine „flexible Auslegung“ einer Regel? Ist eine einzige Ausnahme vom Kategorischen Imperativ schlimm oder menschlich? Die eingangs formulierte Frage wird nicht abschließend beantwortet: Wo fängt der Haufen an?

Lösungsangebote der Logik

Jede einfache „Lösung“ beruht auf unplausiblen Modifikationen menschlicher Überzeugungen. Die zweite Lösung des sogenannten „Trittbrettfahrens“ besteht darin, dass andere, ebenso schwere Paradoxien aufgezeigt und die Mitarbeiter damit konfrontiert werden.

Ein Argument gegen Trittbrettfahrer liefert das Rätsel der harmlosen Folterknechte. 1.000 Folterknechte hatten jeweils ein anderes Opfer. Jeder Folterknecht drückte 1.000-mal auf den Knopf seines Folterapparates. Die Wirkung, den zusätzlichen Schmerz durch einen einzelnen Knopfdruck nimmt kein Opfer wahr, aber die kumulierte Wirkung erzeugt entsetzliche Schmerzen. Jedes Opfer leidet durch separate, aber baugleiche Foltergeräte. Die Folterer bekamen moralische Skrupel. Sie änderten ihre Arbeitsweise: Jeder Folterknecht drückte den Knopf eines Folterapparates nur ein einziges Mal, dafür aber bei jeder der 1.000 Maschinen. Kein Folterer verschlimmerte den Schmerz eines einzelnen Opfers, dennoch erlitten die Opfer die selben grauenhaften
Qualen.

Dieses Bild zeigt auf, was Trittbrettfahren tatsächlich bewirkt. Die einzelne Aktion mag als Kleinigkeit, als Bagatelle wirken, das Gesamtbild zeigt die verheerenden Folgen auf.

Eine andere Perspektive bietet das folgenden Gedankenspiel: Im Rückgriff auf den Einwand gegen Trittbrettfahren lassen sich drei Fälle konstruieren:

Wenn jeder trittbrettfährt, findet das gemeinsame Projekt nicht statt, es macht keinen Unterschied aus, wenn ich einen Beitrag leiste.

Wenn niemand außer mir trittbrettfährt, findet das gemeinsame Projekt statt, es macht also wieder keinen Unterschied aus, ob ich meinen Beitrag leiste. In beiden Fällen lohnt sich Trittbrettfahren.

Einige Beteiligte sind Trittbrettfahrer, andere nicht. Dann sollte ich nur Trittbrettfahren, wenn die anderen genug zum Projekt beitragen, dass dies auch ohne meinen Beitrag stattfinden kann.

Damit tritt die Frage in den Mittelpunkt, ob es einen Grenz- oder Kipppunkt gibt und wie dieser erkannt wird. Wenn dieser Punkt unbekannt, umstritten oder ungewiss ist, ist dies eine Einladung zum Trittbrettfahren. Die praktische Schwierigkeit ist, dass Kipppunkte fast ausschließlich erst in der Rückschau zu ermitteln sind, wann ein Staat, eine Gemeinschaft oder ein Unternehmen an diesem Punkt stand und ihn überschritt.

Auch wenn es keinen Kipppunkt gibt, soll der Einzelne nach der oben dargestellten Sichtweise nur einen Beitrag leisten, wenn die Situation noch knapp unterhalb des Grenzwertes liegt. Denken alle Beteiligten so, führt dies dazu, dass erst im letzten Moment ein Beitrag geleistet wird. Verkalkuliert sich nur ein Mensch, scheitert das gesamte Projekt, verlieren alle. Dies führt zu einer riskanten Lebensweise, zu einer hochgradig instabilen Gesellschaft, zu einer Gemeinschaft oder einem Unternehmen, das permanent an der Schwelle zum Scheitern steht. Kann der einzelne Trittbrettfahrer tatsächlich diesen Zeitpunkt erkennen und dann sein Verhalten umstellen?

Umsetzung im Betrieb

Trittbrettfahren betrifft unmittelbar den Ressourcenverbrauch. Ein Trittbrettfahrer lehnt Vorgaben nicht kategorisch ab, verstößt auch nicht laufend dagegen, konstruiert allerdings im Einzelfall ein Erklärungsmodell, das den Verstoß plausibilisiert und rechtfertigt, wobei sich die Argumente nicht auf den Einzelfall, sondern ein Verhaltensmuster beziehen. Einem Gesamtüberblick, einer Betrachtung der Auswirkungen sämtlicher Folgen verweigert er sich, vergleichbar mit den angeführten Folterknechten. Für den Akteur ist der Verstoß ein Roggenkorn, für Betrieb und Gesellschaft der Teil ein Getreidehaufens.

Da sich wenige Trittbrettfahrer als solche zu erkennen geben, sich selbst vielleicht überhaupt nicht wahrnehmen, können Argumente nur an die Gesamtheit der Mitarbeiter adressiert werden, wobei diese nicht unter Generalverdacht gestellt, aber dazu aufgefordert werden, sich dem Phänomen dort entgegenzustellen, wo es offenkundig wird. Da die Frage des Umweltschutzes ebenfalls unter das Oberthema fällt, sollte das Interesse vieler Beteiligter vorausgesetzt werden.

Die Betriebsleitung darf selbst kein Trittbrettfahrer sein, wenn sie kein Trittbrettfahren wünscht. Mitarbeiter vergleichen Darstellung nach Außen und Realität nach Innen miteinander. Betrachten diese das Handeln der Betriebsleitung doch als Vorbild.

Literatur

Jonathan Aldred, Der korrumpierte Mensch, Klett-Cotta, Stuttgart, 2019

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