Kühlkette, F-Gase und die Z-Generation

Eureka-Konferenz in Den Haag

„Heizen, Kühlen, Lüften – nachhaltige Technologien für höhere Lebensqualität“: Das war das Motto von Eureka 2016, einer neuen Konferenz, die am 13. Dezember 2016 in Den Haag das erste Mal stattfand. Organisiert wurde sie von den beiden Branchenverbänden EPEE und EVIA. Die Konferenz befasste sich mit der Rolle der HLKK-Branche für die Gesellschaft und künftige Generationen und sie war etwas ganz Besonderes für unsere Branche – kreativ, inspirierend, mit neuen Themen und Formaten.

Über 120 Vertreter aus Industrie, Wissenschaft, Politik und Verbänden nahmen an der Eureka 2016 (www.eureka-hvacr.eu) in Den Haag teil und sie werden ihr Kommen sicher nicht bereut haben, denn die Konferenz wich auf eine erfrischend andere Art von dem üblichen Geschehen auf Fachsymposien ab. Ganz bewusst hatten sich die veranstaltenden Verbände EPEE und EVIA dagegen entschieden, das übliche Vortragsstakkato abzuhalten, bei dem ein Referat das nächste jagt und kaum Zeit für den Austausch untereinander bleibt. In mehreren, teilweise parallel abgehaltenen Sessions gab es lediglich kurze Impulsvorträge der Referenten, gefolgt von hochkarätig besetzten Podiumsdiskussionen, bei denen viel Raum geboten wurde für Meinungen und Fragen der Konferenzteilnehmer. Und dieser Raum wurde intensiv genutzt – selten wurde auf Fachtagungen in unserer Branche so viel und so lebhaft mitdiskutiert. Bei Eureka wurden die Teilnehmer direkt in das Geschehen einbezogen: nicht nur während der großen Podiumsdiskussionen, sondern auch z.B. im Rahmen eines Brainstormings in kleinen Runden zu der Frage, wie sich die Branche auf die Herausforderungen der Zukunft einstellen muss. Aber auch die für viele erst etwas ungewohnte Idee, eigene Meinungen und Fragen über einen auf Monitoren im Saal (und natürlich online) live zu verfolgenden Twitter-Kanal zu teilen, belebte die Konferenz.

Die vergessene Industrie

„Die HLKK-Branche ist viel zu bescheiden”, betonte EPEE-Geschäftsführerin Andrea Voigt zum Auftakt der Konferenz. „Eureka 2016 will unserer Industrie und dem Beitrag, den wir leisten können, damit unsere Welt lebenswert bleibt für heutige und künftige Generationen, endlich einmal die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die wir verdienen. Was wollen die nächsten Generationen und was können wir in unserer Branche tun, um diese Bedürfnisse auf nachhaltige Weise zu erfüllen? Genau darum geht es bei Eureka 2016.“

Jürgen Göller, EPEE-Chairmann, bezeichnete die HLKK-Branche in diesem Zusammenhang sogar als „die vergessene Indus­trie“. „Wir wollen hier diskutieren, was unsere Industrie zur Erreichung der Energie- und Klimaschutzziele beitragen kann“, führte er weiter aus. Genau dies war auch der Beweggrund für die Hauptsponsoren Carel und Emerson Climate Technologies, die Konferenz zu unterstützen, wie Dina Koepke (Emerson) und Biagio Lamanna (Carel) in ihren Grußworten deutlich machten.

Dass sich die Diskussionen in unserer Branche aber nicht immer nur um das Weltklima drehen sollten, machte Russell Patten, EVIA-Generalsekretär, deutlich: „Politiker reden dauernd über Klimaschutz und Luftqualität draußen vor unseren Gebäuden. Wir wollen auf der Eureka 2016 aber auch über die Indoor-Luftqualität sprechen und deren Bedeutung für Komfort und Wohlbefinden herausstellen. Schließlich befinden wir uns die allermeiste Zeit unseres Lebens im Inneren von Gebäuden.“

Der Klimawandel ist da

Erwin Mulders, Dänisches Ministerium für Infrastruktur und Umwelt, stimmte die Teilnehmer zu Beginn der Tagung auf die Dringlichkeit der Umsetzung von Klimaschutz-Maßnahmen ein. Anhand zahlreicher Ergebnisse internationaler Forschungsvorhaben, die Erwin Mulders in Auszügen vorstellte, wurde mehr als deutlich, dass der Klimawandel existiert. In den Jahren 2005 bis 2016 hat es die zehn wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnung gegeben; extreme Wettersituationen nehmen zu. Zu der Erkenntnis zu kommen, dass der Klimawandel existiert (was manche bedeutende Staatslenker aber trotz der Faktenlage immer noch als Märchen abtun), ist das eine. Schwieriger ist es, sich zu einschneidenden Maßnahmen durchzuringen, etwas dagegen zu tun. Es gibt zwar wichtige Verhandlungsergebnisse (Abkommen von Kyoto, Montreal, Paris und Kigali als die wichtigsten), aber die Staaten dieser Welt versuchen trotzdem noch, den schwarzen Peter oder die bildliche Schere zur Kappung der CO2-Emissionen an andere weiterzureichen. Mit einem humorvollen Video, bei dem einem aber das Lachen unterwegs im Halse stecken bleibt, machte Erwin Mulders diesen Sachverhalt deutlich (Die Geschichte der Verhandlungen zum Klimawandel in 83 Sekunden: https://www.youtube.com/watch?v=B11kASPfYxY).

Russell Patten, EVIA, sah die Umsetzung der Klimaschutzmaßnahmen hingegen nicht als wirtschaftliche Bedrohung für die Industriestaaten. Wer hier die Führungsrolle übernehme, tue etwas für die Umwelt und es sei gut fürs Geschäft. Ein Zuhörer schränkte ein: „Es ist wichtig, nicht nur an die bei uns technisch umsetzbaren Möglichkeiten zu denken und ein Geschäft zu wittern. Wir müssen bereit sein, den Wissens- und Techniktransfer in die Welt zu leisten.“

Vier Schlüsselbereiche der HLKK-Branche

Auf der Eureka-Konferenz ging es im Folgenden um vier Schlüsselbereiche, die nicht nur den Kern des HLKK-Sektors darstellen, sondern auch einen direkten Einfluss auf das Leben künftiger Generationen haben: Lebensmittelverschwendung, Kältemittel, Energieeffizienz in Gebäuden und Innenraumluftqualität. In vier Debatten zu den einzelnen Themenbereichen, von denen im weiteren Artikel zwei näher beleuchtet werden, wurde deutlich, dass ein Beharren am Status quo keine Lösung sein kann. Zahlreiche und immer größere Herausforderungen, wie zum Beispiel der Klimawandel, die wachsende Weltbevölkerung mit immer größerem Energiebedarf, und die Tatsache, dass immer mehr Zeit in Gebäuden verbracht wird, stellen echte Chancen für HLKK-Technologien dar – vorausgesetzt, dass diese an die sich verändernde Umwelt angepasst werden.

Auswirkungen der F-Gase-Verordnung

In der Debatte um den Einfluss der F-Gase-Verordnung wurde deutlich, dass unsere Branche noch viele Herausforderungen zu meistern hat. Ray Gluckmann, Gluckmann Consulting und Kopf der EPEE-Gapometer-Studie (siehe KKA 3/2016), machte mit viel Nachdruck klar, dass wir „jetzt“ aktiv werden müssten, und zwar sehr aktiv, damit unsere Branche 2018 kein Desaster erlebe, wenn die erste große Stufe der F-Gase-Reduzierung greift. „Es ist viel zu wenig passiert! Wir dürfen bei Neuanlagen nur noch Kältemittel mit geringem GWP einsetzen, müssen die Leckagen reduzieren, in stärkerem Maße wiederaufbereitetes Kältemittel verwenden und das Retrofit älterer Anlagen vorantreiben.“ Die Kältemittel-Problematik wurde von den anderen Teilnehmern der Podiumsdiskussion ebenfalls unter die Lupe genommen:

Cornelius Rhein, Europäische Kommission DG Climate Action, setzte große Hoffnung in eine zügige und effektive Umsetzung des Kigali-Abkommens (siehe Editorial in KKA 6/2016) und forderte, dass die EU-Staaten die Vorreiterrolle übernehmen müssten.

Georgios Patkos, früherer technischer Leiter bei der belgischen Lebensmittelkette Delhaize, kritisierte, dass es viel zu viele Kältemittel auf dem Markt gebe, was das installierende Handwerk überfordere. Zudem müsse es endlich gelingen, die Leckagen in den Griff zu bekommen. Sein Aufruf lautete genau wie bei Ray Gluckman: „Act fast, don’t wait!“

Tim Vink, Honeywell, beklagte, dass Betreiber und Anlagenbauer die derzeit (noch) verfügbaren Kältemittel mit hohem Treibhauseffekt bunkern würden, um sie im wahrsten Sinne des Wortes für dann schlechte Zeiten aufzuheben. Zudem befürchtet er, dass sich illegale Handelswege für Kältemittel auftun könnten, wenn manche Kältemittel knapp werden.

Per Jonasson, AREA, forderte eine staatliche finanzielle Unterstützung für die Kältemittelumstellung und lenkte den Fokus auf die Schaffung des nötigen Know-hows beim Handwerk im Umgang mit neuen und natürlichen Kältemitteln.

Kältetechnik reduziert Lebensmittelverluste

Eine nicht minder spannende Debatte der Eureka-Konferenz betrachtete die Rolle der Kältetechnik zur Reduzierung von Lebensmittelverlusten. Das auf der Konferenz vorgestellte Ausmaß der Lebensmittelverluste ist erschreckend. 25 % der weltweit produzierten Lebensmittel und sogar 35 % der Früchte und Gemüse werden vernichtet. Und Lebensmittel, die im Müll landen, sind nicht nur ein wirtschaftlicher Verlust und ein Problem in Zeiten stetig wachsender Weltbevölkerung, die ernährt werden muss. Sie verschärfen auch den Klimawandel, weil für die Produktion Energie benötigt wird.

Neben der Energie dürfe man aber auch den enormen Wasserverbrauch in der Landwirtschaft nicht außer Betracht lassen, mahnte Dr. Shamila Nair-Bedouelle, Leiterin Ozon­Action bei der UN. Hier sei ein integrierter Ansatz wichtig, der Wasser- und Energieverbrauch gleichermaßen berücksichtige. Sie forderte weiter eine Art verpflichtenden Verhaltenskodex zur Einhaltung der Kühlkette von der Ernte, über Lagerung bis zum Verkauf von Lebensmitteln.

Bei dem Stichwort „Einhaltung der Kühlkette“ dächten hierzulande die meisten nur an die Verantwortung der Supermärkte, es gebe aber auch enorme Lebensmittelverluste, bevor sie überhaupt im Handel landeten, schilderte Matthijs Montsma, Forscher der Universität Wageningen. Diese Verluste machten mit zwei Dritteln sogar den Löwenanteil aus, wobei mangelnde Kühlung einer der wichtigsten Gründe sei. Dies betreffe vor allem Entwicklungsländer; in den Industriestaaten werde jedoch deutlich mehr nach dem Kauf zuhause weggeworfen.

Olivier Jan, Deloitte France, rechnete vor, dass durch Lebensmittelverluste Emissionen in einer Größenordnung von 3,6 Gt CO2-Äquivalente entstünden. Hier sei eine funktionierende Kühlkette der Schlüssel zur Behebung des Problems. Dies sei aber nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch von mangelnder Fachkenntnis und fehlendem Training – vor allem in den Entwicklungsländern. „Technik ist hier nur der Katalysator und nicht die Lösung“, führte Olivier Jan weiter aus.

Die Z-Generation

Nach den Podiumsdiskussionen veränderte sich das Bild der Eureka-Konferenz. Aus dem Plenum wurden mehrere kleinere Stuhlkreise, in denen ca. zehn Teilnehmer in kleiner Brainstorming-Runde darüber diskutierten bzw. philosophierten, wie die sogenannte Z-Generation unsere HLKK-Branche verändern wird. Die Z-Generation (Geburtsdatum zwischen Mitte der Neunziger und Anfang 2000) ist eine Generation, die mit dem Internet seit frühester Kindheit aufgewachsen ist, die keine Technologieängste kennt und über soziale Netzwerke mit Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt ist. Was genau braucht diese neue Generation, wie lebt und arbeitet sie und wie können ihre Erwartungen am besten erfüllt werden?

Der Meinungsaustausch, an dem sich alle Teilnehmer der Konferenz beteiligten, brachte einige deutliche Trends zutage, wie zum Beispiel den Bedarf nach einfach und intuitiv zu bedienenden, vernetzten Lösungen. Als weitere Priorität wurden flexible, adaptive, und selbstlernende Produkte genannt. Russell Patten, Geschäftsführer von EVIA, unterstrich außerdem in seiner Zusammenfassung „die sich ändernden Arbeitsbedingungen, bei denen Büros flexi­blerer Raumgestaltung weichen, sowie die wachsende Bedeutung von Daten und von kosteneffizienten und umweltfreundlichen Dienstleistungspaketen anstelle von Produkten“.

Neben diesen Trends, die nach Ansicht der Konferenzteilnehmer unbedingt von Herstellern in deren Forschungs- und Entwicklungsarbeit einbezogen werden müssten, wurden verschiedene gesellschaftliche Herausforderungen diskutiert, wie zum Beispiel die zunehmende Globalisierung, die der wachsenden Nachfrage nach lokalen Produkten gegenübersteht, oder die zunehmend großen Datenmengen, die zwar zur Verfügung stehen, um maßgeschneiderte Lösungen für Verbraucher anzubieten, andererseits aber auch einen Verlust der Privatsphäre mit sich bringen.

Fazit: eine mehr als gelungene Tagung

Dies waren Themen, die man auf einer Fachtagung der Kälte-/Klimaindustrie nicht unbedingt erwarten konnte, die aber allen Beteiligten z.T. völlig neue Denkanstöße gaben. Joan Miró Ramos, Chairman von EVIA: „Eureka hat bewiesen, dass unsere Branche spannend und unerlässlich ist, sowohl heute als auch in der Zukunft. Außerdem wurde deutlich, wie vielfältig der HLKK-Sektor ist und was die derzeitigen und kommenden Trends sind.“

Jürgen Göller, EPEE-Chairman: „Unsere Branche spielt eine wichtige Rolle. Nicht nur, weil Heiz-, Kühl- und Lüftungstechnik von mehreren Gesetzgebungen erfasst werden, sondern ganz besonders auch, weil der HLKK-Sektor langfristig als der Bereich mit dem höchsten Energieverbrauch in der EU eingestuft wurde.“

Und Andrea Voigt fasste zusammen: „Für die Industrie wird es bei der Entwicklung künftiger Produkte unerlässlich sein, die Bedürfnisse der Z-Generation und derer, die danach kommen, zu verstehen, sich darauf einzustellen und auch davon zu lernen. In Anbetracht dieser Tatsache, des Erfolgs dieser ersten Konferenz und des positiven Feedbacks der Teilnehmer freuen wir uns schon jetzt auf die nächste Ausgabe von Eureka.“ – die KKA-Redaktion auch.

Über EPEE

The European Partnership for Energy and the Environment (EPEE) repräsentiert die Kälte-, Klima- und Wärmepumpenindustrie in Europa. EPEE wurde im Jahr 2000 gegründet und hat 47 Mitglieder aus Unternehmen, internationalen und nationalen Verbänden. Als Expertenverband unterstützt EPEE sichere, umweltfreundliche und wirtschaftlich tragbare Technologien mit dem Ziel, ein besseres Verständnis des Sektors in der EU zu erreichen. Dabei setzt sich EPEE für die Entwicklung effektiver europäischer Gesetzgebung ein. Weitere Informationen unter: www.epeeglobal.org

Über EVIA

Der Europäsiche Verband für Lüftungstechnik EVIA wurde im Juli 2010 gegründet und vertritt die Interessen der Lüftungsindustrie in Brüssel gegenüber den europäischen Institutionen sowie auf nationaler Ebene gemeinsam mit seinen Partnern. EVIA hat 36 Mitgliedsunternehmen und fünf nationale Mitgliedsverbände in ganz Europa. Weitere Informationen unter: www.evia.eu

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