Matching – Fachkräftegewinnung  aus dem EU-Binnenmarkt

Interview mit Michael Zehner, Eucontact Ltd., Manchester / Großbritannien

Die KKA führte zum Thema „Nachwuchs- und Fachkräftemangel“ ein Interview mit Michael Zehner, zuständig für die Strategie- und Projektentwicklung bei Eucontact Ltd. aus Manchester, Großbritannien. Eucontact bringt Jugendliche aus strukturschwachen Regionen des EU-Binnenmarkts mit Unternehmen zusammen, die Fachkräfte suchen.

In den allermeisten Berufen in Deutschland herrscht aus demografischen Gründen ein Fachkräftemangel – hiervon ist auch die Kälte- und Klimabranche immer stärker betroffen. In anderen Ländern des EU-Binnenmarkts wiederum finden junge Menschen, auch wenn sie eine schulische berufliche Ausbildung (die meisten jungen Menschen streben auch in diesen Ländern ein Studium an) abgeschlossen haben, keinen Job und haben damit keine ökonomische Perspektive. Dies gilt auch für schulische Ausbildungen in technischen Berufen, da hierzu sehr häufig die passenden Arbeitsmöglichkeiten fehlen oder die Bezahlung sehr schlecht ist.

Die Europäische Union unterstützt schon seit vielen Jahren mit verschiedenen EU-Förderprogrammen, unter anderem auch für junge Menschen in einer beruflichen Ausbildung, die grenz­überschreitende berufliche Mobilität im EU-Binnenmarkt zur Steigerung der Beschäftigungsfähigkeit.

Eucontact aus Großbritannien hat vor diesem Hintergrund, mit europäischer Unterstützung, in den letzten zwei Jahren den Matching-Ansatz entwickelt. Ziel ist es, jungen Menschen im Alter von 18 bis 25 Jahren, mit einer beruflichen Ausbildung aus strukturschwachen Regionen des EU-Binnenmarkts, in andere Länder des EU-Binnenmarkts, mit einem Nachwuchs- und Fachkräftemangel, wie z. B. in Deutschland, berufliche und ökonomische Perspektiven direkt bei Unternehmen mit einem Nachwuchsproblem in technischen Berufen zu ermöglichen. Hierzu erfolgt seit dem Frühjahr 2018 bis Ende 2019 eine Pilotphase mit EU-Förderung der Matching-Strategie von Eucontact.

KKA: Herr Zehner, bevor wir auf das eigentliche Thema zu sprechen kommen, stellen Sie sich und Ihr Unternehmen doch einmal kurz vor.

Zehner: Eucontact ist im Kundenauftrag, vor allem aus der beruflichen Ausbildung für Colleges und Einrichtungen der beruflichen Ausbildung, in der Antrags- und Projektentwicklung für europäische Förderprogramme seit über zehn Jahren erfolgreich tätig.

In diesen Jahren haben über tausend junge Menschen, koordiniert von Eucontact, an europäisch geförderten Projekten zur Förderung der beruflichen Mobilität in der beruflichen Erstausbildung im EU-Binnenmarkt teilgenommen.

Die Entwicklung europäischer Projekte zur grenzüberschreitenden beruflichen Ausbildung ist ein besonderer Arbeitsschwerpunkt von Eucontact. Hieraus hat sich im Jahre 2018 der Matching-Ansatz zwischen strukturschwachen Regionen mit hoher segmentierter Jugendarbeitslosigkeit und Regionen des EU-Binnenmarkts mit einem demografisch bedingten Nachwuchsmangel, hier vor allem in technischen Berufen, entwickelt.

Eucontact ist ein ausschließlich im EU-Förderzusammenhang im EU-Binnenmarkt tätiges, nicht profitorientiertes Unternehmen aus Großbritannien, mit mehreren Standorten im EU-Binnenmarkt.

Ich bin für Eucontact in der Strategie- und Projektentwicklung, hier für die Entwicklung und Erprobung der Matching-Strategie im Grundsatz und im speziellen in der Pilotphase zwischen deutschen Unternehmen und Berufsschulen aus strukturschwachen Regionen des EU-Binnenmarkts, hier prioritär aus Großbritannien, Rumänien, Ungarn, der Slowakei und Kroatien, von 2018 bis 2019, zuständig.

KKA: Als grenzüberschreitender Profi in Sachen Fachkräftemangel blicken Sie ja auch über den Tellerrand der deutschen Wirtschaft hinaus. In welchen Ländern der EU und in welchen Branchen herrscht denn andernorts ebenfalls ein großer Fachkräftemangel?

Zehner: Der Nachwuchs- und Fachkräftemangel, gerade in technischen Berufen, ist nur dort in Europa ein Problem, wo entsprechende Industrie und Handwerk vorhanden sind. Dank der immer noch präferierten Brexit-Absicht in Großbritannien nimmt der Fachkräftemangel in technischen Berufen in Großbritannien gerade wieder erheblich zu. Viele Briten mit technischen Hintergrund, auch junge Menschen mit einer technischen beruflichen Ausbildung, sehen sich deshalb schon seit 2016 verstärkt gerade in Deutschland nach neuen beruflichen Möglichkeiten um. 2018 haben noch mehr Europäer, auch Fachkräfte mit technischem Hintergrund, Großbritannien aufgrund der schlechten Perspektiven durch den Brexit verlassen. Auch in anderen EU-Ländern mit gewissen industriellen Potentialen, sei es Polen oder der Tschechischen Republik, aber auch in Nord-Italien, nimmt vor allem der Nachwuchsmangel demografisch bedingt immer weiter zu, auch hier wieder sehr stark in technischen Berufen.

Die Gründe hierzu sind meist ähnlich. Immer mehr Menschen mit einer technischen Ausbildung gehen in Rente. Bei den jungen Menschen in den entwickelten west- und mitteleuropäischen EU-Ländern ist das Interesse gering, in technischen Industrie- und Handwerksberufen, vor allem wenn es um Tätigkeiten mit Staub und Muskelkraft geht, tätig zu werden. Wenn Schichtarbeit droht, liegt das Interesse bei 0 %.

Wobei hier aber auch immer zusätzlich berücksichtigt werden sollte, dass in Ländern wie der Schweiz, Österreich und vor allem in Deutschland zusätzlich auch noch der Anteil junger Menschen an der Gesamtbevölkerung demografisch bedingt schneller und umfassender als in anderen EU-Ländern mit Industrie abnimmt. Damit wird gerade in Deutschland vor allem das Nachwuchs­problem als Grundlage für zukünftige Fachkräfte noch weiter verschärft. Dies ist ein sehr komplexes Thema. Es würde den Rahmen dieses Interviews sprengen, hier noch weiter ins Detail zu gehen.

Zu diesem Thema führt Eucontact seit 2017 in Deutschland immer wieder Präsentationen und Vortragsveranstaltungen durch, um die bis heute mehr oder minder unbeachteten Potentiale des EU-Binnenmarkts durch grenzüberschreitende berufliche Ausbildungskooperationen als mögliche Gegenstrategie gegen den demografisch bedingten Nachwuchsmangel gerade in technischen Berufen in Deutschland aufzuzeigen. Gerne können wir solche Präsentationen auch für Unternehmen und Verbandsstrukturen aus der Kälte-Klima-Technik in Deutschland durchführen.

KKA: Und in welchen Ländern ist die Situation für arbeitssuchende Jugendliche besonders schwierig?

Zehner: Bis auf wenige EU-Länder mit einer wirtschaftlichen Wachstumssituation wie Deutschland, die Niederlande, Österreich, Luxemburg, die Tschechische Republik, Polen und die skandinavischen Länder ist die Jugendarbeitslosigkeit immer noch sehr hoch, da die Jugendarbeitslosigkeit nichts mit Wirtschaftswachstum, sondern mit fehlenden oder zumindest nicht ausreichenden Produktions- und Verarbeitungsstandorten in Relation zu dem Arbeitsplatzbedarf junger Menschen zu tun hat.

Vor allem in traditionell strukturschwachen Regionen des EU-Binnenmarkt ist die Situation arbeitssuchender junger Menschen im Alter von 18 bis 25 Jahren weiter mit Perspektive schlecht bis aussichtslos zu beschreiben. Hierzu zählen viele Regionen in den baltischen Staaten, in der Slowakei, in Rumänien, in Ungarn und auch in Kroatien. In Großbritannien ist vor allem Wales eine strukturschwache Region.

Hier setzt der Matching-Ansatz von Eucontact an. In der aktuellen Projektphase konzentrieren wir uns auf strukturschwache Regionen in Großbritannien, Rumänien, Ungarn und Kroatien. Übrigens ist Eucon­tact schon seit gut zehn Jahren vor allem in Wales in der Entwicklung und Umsetzung von grenzüberschreitenden Projekten zur Förderung der beruflichen Mobilität junger Menschen in der beruflichen Ausbildung im EU-Binnenmarkt tätig.

Im Rahmen von Incoming- und Outgoing-Projekten absolvierten seit 2006 über 1000 junge Menschen aus verschiedenen Ländern (Rumänien, Ungarn, Dänemark, Polen, Großbritannien und Irland) 14-tägige berufliche Praktika in beruflichen Bildungseinrichtungen, gefördert durch die EU.

Auf die für Deutschland klassischen Zuwanderungsländer, wie Spanien, Portugal oder Griechenland, gehe ich hier nicht weiter ein, da dort die adäquaten Ausbildungsstrukturen für technische Berufe für die eigene Nachfrage ausgelastet sind oder nicht existieren. Auch ist in diesen EU-Ländern das Interesse, in Deutschland kurz- oder langfristig zu arbeiten, nur gering, wenn überhaupt, aus kulturellen und mentalen Gründen, vorhanden.

KKA: Wie bringen Sie nun Angebot und Nachfrage zusammen?

Zehner: Der Ansatz ist recht einfach. Eucontact bringt technische Berufsschulen aus strukturschwachen Regionen berufsspezifisch mit Unternehmen mit einem Nachwuchsmangel, hier aus Deutschland, zusammen. Dies ist auch für Unternehmen aus der Kälte-Klima-Branche aus Deutschland denkbar, wenn gewisse Mindestvoraussetzungen erfüllt werden.

Hierzu dient der Matching-Ansatz als Handlungsgrundlage. Er wendet sich an Unternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitern und einem eklatanten berufsspezifischen Nachwuchsmangel in einem technischen Beruf.

KKA: Wie erfolgt die Kontaktaufnahme und die Auswahl der Jugendlichen in den strukturschwachen Ländern? Wie gehen Sie mit den Sprachbarrieren um?

Zehner: Interessierte Unternehmen aus Deutschland können sich mit uns direkt in Verbindung setzen (). Die Kommunikation auf Deutsch ist kein Problem, da unsere Mitarbeiter in allen zentralen EU-Sprachen kommunizieren können.

Auf Grundlage eines Nachwuchsprofilings des interessierten deutschen Unternehmens durch Eucontact (wir kommen hierzu in Deutschland vorbei) erfolgt dann, wenn möglich, eine berufsspezifische Einbindung für ein Matching-Projekt mit einer Berufsschule aus einer strukturschwachen Region. Aktuell erfolgt bis 2019 eine Pilotphase, in der Unternehmen zu speziellen finanziellen Konditionen im Rahmen einer europäischen Förderung an den Projekten teilnehmen können.

In allen Ländern des EU-Binnenmarkts lernen junge Menschen, auch wenn sie eine berufliche Ausbildung in einer Berufsschule beginnen, als erste Fremdsprache Englisch. Vor diesem Hintergrund wurde und wird Englisch in den Projekten in Deutschland erfolgreich als Kommunikations- und „Brückensprache“ verwendet.

Aufgrund der für Matching-Projekte notwendigen Unternehmensgröße von in der Regel mindestens 200 Mitarbeitern und soweit möglich einer Lehrwerkstatt oder zumindest Ausbildungsabteilung stellte diese Herangehensweise bei bisher erfolgten Matching-Pilotflows kein Problem dar.

Bei vielen Projekten stellte sich die Einbindung der deutschen betrieblichen Auszubildenden als innovative Lösung bei Sprachproblemen in Englisch dar, da diese häufig viel besser Englisch beherrschten als die Älteren in deutschen Unternehmen.

KKA: Wie läuft dann ein solches Praktikum konkret ab?

Zehner: Die Umsetzung des Matching-Ansatzes erfolgt in der Regel im Rahmen von 14-tägigen, berufsspezifischen, betrieblichen Praktika mit jungen Menschen mit einer entsprechenden oder vergleichbaren beruflichen Ausbildung im letzten Ausbildungsjahr. Zur Promotion sind für den Herbst 2018 mehrere berufsspezifische Matching-Pilotflows für technische Ausbildungsberufe in Vorbereitung. Auch Unternehmen aus der Kälte-Klima-Branche können daran gerne teilnehmen, um ihren Nachwuchsmangel zu reduzieren. Bewerbungen von Unternehmen werden gerne entgegengenommen.

Auf Grundlage der Anfrage wird dann im Rahmen eines Nachwuchsprofilings der potentielle technische Nachwuchsbedarf berufsspezifisch für das jeweilige Unternehmen vor Ort in Deutschland identifiziert, für den dann möglicherweise ein Pilotflow betriebsspezifisch stattfinden soll. An diesem nehmen ausschließlich und berufsspezifisch zehn bis 15 Schüler aus dem letzten Ausbildungsjahr im Rahmen eines 14-tägigen betrieblichen Praktikums, betreut von zwei Lehrkräften, bei dem interessierten Unternehmen in Deutschland, koordiniert von Eucontact, teil.

Ein Matching-Flow setzt sich aus zwei zentralen inhaltlichen Zielen zusammen. Erste zentrale Komponente ist, dass die Flow-Teilnehmer zum Abschluss ihrer schulischen beruflichen Ausbildung, in der Regel erstmalig in ihrer beruflichen Ausbildung, betriebliche Abläufe hier in Deutschland kennenlernen und ihre in der Berufsschule erlernten fachlichen Kompetenzen praktisch in diesem Betrieb, z. B. in einer Lehrwerkstatt oder auch direkt in einer betrieblichen Abteilung des Unternehmens, erproben können. Die hierbei deutlich werdenden Fähigkeiten der Praktikanten werden von den betreuenden Lehrkräften dann für die Bewertung des in wenigen Monaten erfolgenden beruflichen Schulabschlusses im EU-Heimatland mit herangezogen.

Im Verlauf dieses Praktikums erfolgt als zweite zentrale Komponente für das Praktikumsunternehmen ein mit der ersten Programmkomponente stark verbundenes Test- und Vorstellungsprogramm zur Identifizierung potentieller Nachwuchskräfte aus der Teilnehmergruppe für einen Arbeitsbeginn direkt nach Abschluss der schulischen beruflichen Ausbildung in den kommenden sechs bis zwölf Monaten.

KKA: Sind denn 14 Tage ausreichend, um sich gegenseitig wirklich kennenzulernen? Wären nicht längere Aufenthalte sinnvoll?

Zehner: Diverse Flows im Rahmen des EU-Programms „Erasmus+“ haben gezeigt: „In der Kürze liegt die Würze“, wie man so schön in Deutschland sagt. Darüber hinaus haben sich die Praktikumszeiträume im EU-Binnenmarkt für Flows zur Förderung der europäischen Mobilität in der beruflichen Erstausbildung in den letzten Jahrzehnten auf 14 Tage im Grundsatz eingependelt.

Im Rahmen der Matching-Pilotphase sind deshalb nur 14-tägige betriebliche Praktikumsprojekte möglich. Bereits durchgeführte Projekte haben auch gezeigt, dass eine Zeitspanne von 14 Tagen zur Identifizierung potentieller Nachwuchskräfte ausreicht.

Wichtiger ist, dass nach dem Praktikumsprojekt vom interessierten Unternehmen ein nachhaltiger Kontakt, am besten auf schriftlicher und persönlicher Grundlage, mit der/den potentiellen Nachwuchskraft/-kräften aufgebaut und gepflegt wird. Sonst besteht die Gefahr, dass diese nach Abschluss ihrer Ausbildung dann doch woanders anfangen zu arbeiten oder in ein anderes Land in der EU oder auch darüber hinaus, z. B. nach Kanada, auswandern.

Für an einer nachhaltigen berufsspezifischen Nachwuchsgewinnung interessierte Unternehmen aus Deutschland besteht über die Pilotphase hinaus die Möglichkeit, mit Unterstützung von Eucontact, mehrwöchentliche und sogar mehrmonatige berufsspezifische Praktikumsprojekte mit einer Berufsschule aus strukturschwachen Regionen im EU-Binnenmarkt in Angriff zu nehmen. Solche betriebsspezifischen Projekte setzen dann aber auf der Grundlage entsprechender Verträge mit Eucontact einen zeitlichen Vorlauf von mindestens einem Jahr in der Entwicklung voraus.

KKA: In welchen Branchen bzw. Unternehmen haben Sie in Deutschland schon Erfahrungen mit der Matching-Strategie machen können? Kommt es tatsächlich nach einem Praktikum hinterher zu festen Arbeitsverhältnissen?

Zehner: Hier gibt es schon erste Beispiele bei Großunternehmen aus der Glasindus­trie, die über einen erheblichen Nachwuchs- und damit Fachkräftemangel klagen und die sich an ersten Matching-Pilotprojekten beteiligt haben: mit dem Ziel, Teilnehmer der Matching-Flows als Nachwuchskräfte anzustellen.

Es hat, zum Beispiel im Frühjahr 2018, ein Pilotprojekt für die technischen Berufe Metallbauer und Schweißer in Oberfranken/Bayern gegeben. Das teilnehmende Unternehmen, das Unternehmen Wiegand Glas, hat hieraus einen Pool mit 15 potentiellen Nachwuchskräften mit einem Anstellungsinteresse ab dem Sommer 2018 und dem Sommer 2019 angelegt. Die ersten angestellten Teilnehmer haben im August 2018 die Arbeit aufgenommen und weitere werden im Oktober 2018 folgen.

KKA: Was müsste ein Unternehmen, das Interesse an einer Zusammenarbeit mit Ihnen hat, tun? Welche Voraussetzungen müsste es mitbringen? Welche Kosten entstehen?

Zehner: Interessierte Unternehmen sollten über eine langjährig funktionierende berufliche Ausbildung verfügen und mindestens per Unternehmen über 200 Mitarbeiter verfügen. Im Rahmen einer Poolbildung können sich auch mehrere Unternehmen mit mindestens 50 Mitarbeitern pro Unternehmen zusammenschließen. Für die Praktikanten muss deutlich werden, dass sie bei dem jeweiligen Praktikumsunternehmen, im Falle eines Anstellungsinteresses, eine verbindliche Anstellungsperspektive haben.

Die angebotene Bezahlung muss konkurrenz- und marktfähig sein. Es ist für junge Menschen heute überhaupt kein Problem, sich über das Internet adäquat zu informieren und sich dann entsprechend im Zweifel gegen ein Unternehmen zu entscheiden.

Wie schon angesprochen, sollten immer schon zum Abschluss eines Matching-Flows die beteiligten Unternehmen mit den interessanten Praktikanten entsprechende vertragliche Vereinbarungen abschließen, um die potentiellen Nachwuchskräfte frühzeitig und nachhaltig zu binden. Es ist hierbei auch wichtig, dass sich die Unternehmen um eine Unterstützung der potentiellen Nachwuchskräfte bei der formalen und praktischen Eingewöhnung am neuen Lebensmittelpunkt aktiv beteiligen.

Kosten für die Unternehmen entstehen bei der Teilnahme an Pilotflows im Jahre 2018 für das Praktikumsprogramm, die Unterbringung, die Verpflegung und den Transport in Deutschland.

Die Kosten der An- und Rückreise per Flugzeug zu einem Flughafen in Deutschland werden von Eucontact im Rahmen einer europäischen Förderung getragen. Dies gilt auch für die Kosten der Sozial-, Unfall- und Reiseversicherung der Flow-Teilnehmer in Deutschland, wie auch die Kosten für die formale und inhaltliche Vorbereitung und Abwicklung durch Eucontact.

Bei Matching-Projekten nach der Pilotphase fallen für interessierte Unternehmen die Kosten zur Realisierung grenzüberschreitender betriebs- und berufsspezifischer Kooperationen mit Berufsschulen aus strukturschwachen Regionen durch Eucontact an.

KKA: Die Matching-Strategie ist demnach eher etwas für größere Unternehmen aus der Industrie. Könnten nicht auch Betriebe aus dem Kältehandwerk teilnehmen? Vielleicht mehrere aus einem Ort als gemeinsame Initiative oder koordiniert von einer Innung?

Zehner: Für die Kälte-Klima-Branche wäre es nötig, wenn dies für Unternehmen mit weniger als 200 Mitarbeitern interessant sein sollte, dass sich mehrere Unternehmen aus einer Region (Kammerbezirk oder Innungskreis) zur Teilnahme in einem Pool zusammenschließen würden. Jedes der mitwirkenden Unternehmen sollte aber über mindestens 50 Mitarbeiter verfügen und in der dualen Ausbildung schon langjährig aktiv sein. Zur Koordinierung dieser Aktivität könnte die Mitwirkung einer Innung sehr interessant sein.

KKA: Es gibt auch Kritiker solcher Programme. Fachkräfte verlassen schließlich ein wirtschaftlich eh schon angeschlagenes Land, anstatt dort mit ihrem Know-how die eigene Wirtschaft anzukurbeln. Wie begegnen Sie solchen Vorwürfen?

Zehner: Bei diesen jungen Menschen handelt es sich nicht um Fachkräfte, sondern um schulisch ausgebildete potentielle Nachwuchskräfte – wenn sie denn die Chance einer berufsspezifischen Tätigkeit hier in Deutschland erhalten und nicht als Hilfs- oder Saisonarbeiter, z. B. bei der Tomaten­ernte in Süditalien oder Spanien, für 5 € die Stunde arbeiten müssen. Erst im Verlauf ihrer Tätigkeit werden aus diesen Nachwuchskräften dann durch die betriebliche Praxis über die Zeit berufsspezifische Fachkräfte.

Ein wichtiges Detailziel des Matching-Ansatzes ist es übrigens, dass die jungen Menschen ihren schulischen Berufsabschluss in Deutschland im Rahmen des Gleichwertigkeitsverfahrens in den ersten fünf Jahren ihrer Tätigkeit mit Unterstützung des deutschen Arbeitgebers offiziell anerkannt bekommen.

Es ist sozial- und gesellschaftspolitisch sehr kurzsichtig, jungen Menschen eine ökonomische Perspektive im EU-Binnenmarkt mit der Begründung in Frage stellen zu wollen, im eigenen Land bleiben zu sollen, um dort ein wirtschaftlich scheinbar angeschlagenes Land aufzubauen. Jeder hat nur ein Leben. Die wirtschaftlichen Probleme vieler strukturschwacher Regionen im EU-Binnenmarkt sind historisch, politisch und gesellschaftlich bedingt.

Junge Menschen sind die schwächsten Glieder in diesen Gesellschaften mit so gut wie keinen Einflussmöglichkeiten auf eine für sie überschaubare ökonomische Zukunft im Heimatland. Hier bleibt, wie auch schon in früheren Jahrhunderten, nur die Auswanderung. Was übrigens auch für Millionen von Deutschen zutrifft, die im 19. Jahrhundert eine Zukunft in den Vereinigten Staaten gesucht und gefunden haben.

Die Auswanderung ist, wie schon mindestens in den letzten 2.000 Jahren, ein wichtiges Ventil. Sonst würde auch heute die Gefahr bestehen, dass viele Länder im EU-Binnenmarkt gesellschaftspolitisch „implodieren“ würden (zu viele Menschen – zu wenig Jobs).

Viele heute strukturschwache Regionen waren auch in früheren historischen Kon­stellationen, zum Beispiel viele Landstriche im heutigen Ungarn, der Slowakei und Rumänien, während der KuK-Monarchie von Österreich und Ungarn umfassende Auswanderungsgebiete. Damals für die wachsenden Industrieregionen in Budapest, Wien und Graz, in Konkurrenz zur Industrieentwicklung in Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Geschichte kann sich wiederholen. Heute handelt es sich bei diesen strukturschwachen Regionen um Länder des EU-Binnenmarkts.

Die Freizügigkeit, ein zentraler Bestanteil der europäischen Entwicklung zum EU-Binnenmarkt, kann von diesen jungen Menschen, ebenso wie von jungen Menschen aus Großbritannien, Frankreich oder Deutschland, genutzt werden, um dorthin in Europa zu gehen, wo sie eine berufliche, wirtschaftliche und damit auch finanzielle Zukunft finden. Dies hat übrigens dann auch positive Auswirkungen auf die Herkunftsländer.

Nur ein Beispiel hierzu: Die jährlichen Zahlungen der rumänischen Diaspora in ihre Heimat, die in den letzten 20 Jahren zu Millionen im EU-Binnenmarkt – aber auch darüber hinaus in Kanada, den USA, den Arabischen Emiraten oder in Süd Amerika – zum Arbeiten und Leben ausgewandert sind, belaufen sich schon seit einigen Jahren konstant pro Jahr auf über 2 Milliarden Euro.

Dies trägt erheblich zur wirtschaftlichen Entwicklung Rumäniens in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen, von der privaten Rentenzahlung der in der Heimat verbliebenden Eltern bis hin zu sozialen und auch wirtschaftlichen Projekten, sei es im Tourismus oder im Handwerk und Gastronomie, bei. Mit diesen Zahlungen handelt es sich um eine Konstante in der rumänischen Wirklichkeit, die auch von den ständigen Skandalen der politischen Eliten nicht tangiert werden. Dies lässt sich übrigens auch auf andere EU-Länder wie vor allem Portugal, Polen, Ungarn oder auch Kroatien übertragen.

Auf Grund dieser nicht neuen ökonomischen Effekte für die damals noch nicht im EU-Binnenmarkt zusammengeschlossen EU-Länder fanden in den 60er-Jahren zwischen der noch jungen Bundesrepublik Deutschland, Italien, Spanien, Portugal und der Türkei umfassende Vereinbarungen zur Entsendung von „Gastarbeitern“ statt. Schon damals waren die Zahlungen in die Heimat ein wichtiger und von den Regierungen der Heimatländer gern gesehener Impuls für die wirtschaftliche Entwicklung und das Staatsbudget.

Heute ist dies nicht mehr nötig, dafür besteht der EU-Binnenmarkt und mit ihm die Freizügigkeit für alle Bürger.

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