Nationale Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung: Starkes Signal für den Ausbau, schwaches Signal für die Nachhaltigkeit
12.05.2026Ein Kommentar von Philip Grawe, Geschäftsführer bei Prior1 (www.prior1.com):
Es war ein langer Anlauf. Erst am 18. März 2026 verabschiedete die Bundesregierung ihre Nationale Rechenzentrumsstrategie, Monate nach dem ursprünglichen Zeitplan, mitten in einem globalen Wettlauf um Rechenkapazitäten. Das Dokument ist ambitioniert: Die installierten IT-Anschlussleistungen sollen bis 2030 mindestens verdoppelt, die KI-Kapazitäten sogar vervierfacht werden (1). Kein schlechtes Ziel. Doch wer das Papier genau liest, stößt auf eine beunruhigende Asymmetrie: Beim Ausbau ist die Strategie entschlossen. Bei der Nachhaltigkeit laviert sie.
Deutschland hat eine installierte IT-Anschlussleistung von 2.980 MW erreicht. Der Großraum Frankfurt teilt sich mit London die führende Position unter den europäischen Rechenzentrumsmärkten (2). Der Energiebedarf dieser Anlagen lag 2025 bei 21,3 Milliarden kWh, mehr als doppelt so viel wie noch 2010 (2). Bis 2030 könnte er auf 30 bis 60 TWh steigen (3). Das entspricht dem Jahresstromverbrauch von fünf bis zehn Millionen deutschen Haushalten. Weltweit stieg der Stromverbrauch von Rechenzentren allein 2025 um 17 %, KI-fokussierte Anlagen sogar noch deutlich schneller (4). Diese Zahlen machen klar: Die Frage, wie wir Rechenzentren betreiben, ist keine Nischendebatte. Sie ist eine der zentralen Klimafragen des Jahrzehnts.
EnEfG Novelle: Verwässerung durch die Hintertür
Die Bundesregierung kündigt eine Novelle des Energieeffizienzgesetzes (EnEfG) noch für 2026 an (1). Kernpunkt: Die Anforderungen an den PUE (Power Usage Effectiveness) sollen „pragmatischer" ausgestaltet werden. Die Argumentation lautet, dass Colocation-Betreiber nur eingeschränkten Einfluss darauf hätten, ob Kunden ihre vertraglich zugesicherte Leistung tatsächlich abrufen, was den gemessenen PUE nach oben drücke (1).
Philip Grawe, Geschäftsführer bei Prior1.
Bild: Prior1
Das klingt technisch plausibel. In der Konsequenz bedeutet es aber: Ein zentraler Effizienzindikator verliert an Schärfe. Der PUE ist gerade deshalb wirksam, weil er Betreiber zwingt, auch bei Auslastung und Kundenmanagement auf Effizienz zu achten. Wird die Anforderung aufgeweicht, geht dieser Anreiz verloren. Zudem hinkt die Argumentation: Bei weitem nicht alle Rechenzentrumsbetreiber sind Colocation-Anbieter. Der durchschnittliche PUE-Wert in Deutschland lag 2025 bei 1,43 (2), also weit entfernt von dem, was moderne Anlagen technisch erreichen können. Hyperscaler bauen heute Rechenzentren mit PUE-Werten unter 1,2. Das Ziel, das das EnEfG für Neubauten ab 2026 vorschreibt, ist also keineswegs unrealistisch. Es ist Stand der Technik.
Als Experten für die Planung, Errichtung und den Betrieb von Rechenzentren wissen wir bei Prior1 aus der Praxis: Strenge Effizienzanforderungen sind kein Hemmnis, sondern ein Innovationstreiber. Sie zwingen den Markt, technologisch voranzugehen – von optimierter Gebäudetechnik bis hin zu intelligenter Laststeuerung. Wird die Messlatte gesenkt, verlangsamt sich die technologische Transformation.
Abwärme und Standortwahl: Das Pferd von hinten aufgezäumt
Dass neue Rechenzentren häufig dort entstehen, wo Netzanschlüsse verfügbar sind, aber kein Wärmenetz existiert, ist ein reales Problem. Die Strategie will die Abwärmevorgaben daher den Standortgegebenheiten anpassen (1). Zusätzlich setzt sich die Bundesregierung bei der EU für eine steuerfreie Abgabe von Abwärme ein – ein sinnvoller Impuls (1).
Problematisch wird es, wenn die Anpassung der Vorgaben in der Praxis bedeutet, dass Betreiber sich an Standorten ohne Wärmenetz ansiedeln und damit de facto von der Abwärmepflicht befreit sind. Das Potenzial ist erheblich: Laut Bundeswirtschaftsministerium könnten allein die deutschen Rechenzentren bis 2030 rund eine TWh Wärme pro Jahr in die Versorgung einspeisen (3). Dieses Potenzial lässt sich nur heben, wenn die Standortwahl sich nach den Wärmeabnehmern richtet und nicht umgekehrt die Vorgabe nach dem gewählten Standort.
Fossile Backup Lösungen: Ein gefährliches Schlupfloch
Ein besonders heikler Punkt versteckt sich hinter dem Begriff der „systemdienlichen Eigenversorgung". Die Strategie räumt ein, dass es in der Wirtschaft Bestrebungen gebe, bei begrenzten Netzanschlusskapazitäten „teilweise auch eine Energieversorgung auf fossiler Basis zu nutzen" (1). Diese Formulierung liest sich wie eine vorbereitete Rechtfertigung.
Zwar stellt die Strategie die bestehende Pflicht zum bilanziellen Ökostrombezug (50 % ab 2024, 100 % ab 2027) nicht ausdrücklich in Frage (1). Doch das Problem ist vorhanden: Laut dem Global Energy Monitor sind in Deutschland Gaskraftwerke mit einer Gesamtkapazität von bis zu 1.950 MW geplant, die explizit zur Versorgung von Rechenzentren in Mainz, Frankfurt, Birstein, Leipheim und Großkrotzenburg dienen sollen (5). Das entspricht mehr als 12,9 % des gesamten deutschen Gaskraftwerk-Neubaus. Wird dieser Trend durch regulatorische Schlupflöcher weiter befeuert, werden fossile Energiestrukturen auf Jahrzehnte zementiert und konterkarieren damit jene Klimaziele, die die Strategie gleichzeitig beschwört.
Direct Liquid Cooling: Problem erkannt, Maßnahme vergessen
Bezeichnend ist der Umgang mit der Direktflüssigkeitskühlung (Direct Liquid Cooling, DLC). In der Stärken-Schwächen-Analyse benennt die Strategie die schleppende Umsetzung von Heißwasserdirektkühlung ausdrücklich als Schwäche des Standorts Deutschland (1). Und dann? Nichts. Im gesamten Maßnahmenteil findet sich keine einzige Initiative, die den Einsatz von DLC fördern, beschleunigen oder auch nur systematisch untersuchen würde.
Das ist eine bemerkenswerte Lücke. Die Bitkom-Studie 2025 bestätigt: Außerhalb des Forschungsbereichs sind die Rechenzentren in Deutschland noch fast ausschließlich luftgekühlt (2). Dabei ist DLC für KI-Workloads schlicht unvermeidlich. Aktuelle GPU-Racks erreichen Leistungsdichten von 100 kW und mehr, die mit Luftkühlung nicht beherrschbar sind. DLC adressiert dabei gleich mehrere der in der Strategie benannten Herausforderungen: höhere Energieeffizienz, deutlich niedrigerer Wasserverbrauch gegenüber Verdunstungskühlung und vor allem höhere Abwärmetemperaturen, die eine Einspeisung in Wärmenetze erst wirtschaftlich attraktiv machen. Eine ernsthafte Abwärmestrategie ist ohne DLC kaum denkbar. Dass die Bundesregierung DLC als Schwäche identifiziert, aber keine Maßnahmen ableitet, passt ins Bild einer Strategie, die beim Kapazitätsausbau entschlossen handelt, bei der Nachhaltigkeit aber bei Absichtserklärungen stehen bleibt.
Strenge Standards als internationaler Wettbewerbsvorteil
Die Frage, ob eine Verdopplung der Rechenzentrumskapazität mit den Klimazielen vereinbar ist, wird in der Strategie konsequent vermieden. Dabei liegt hier eine enorme Chance für den Standort Deutschland. Strenge Nachhaltigkeitsvorgaben als reinen Standortnachteil zu begreifen, wäre ein strategischer Fehler.
Die DSGVO zeigt, wie das anders geht: Anfänglich als bürokratisches Monster kritisiert, gilt sie heute international als Benchmark für Datenschutzstandards. Ähnliches Potenzial bietet eine konsequente Rechenzentrumspolitik. Wenn Deutschland beweist, dass massiver Kapazitätsausbau und höchste ökologische Standards kein Widerspruch sind, schafft es einen Blueprint, der international Schule machen kann. Wer jetzt aufweicht, verspielt diesen Vorsprung.
Echte Effizienz statt regulatorischer Mindestmaße
Die Reaktionen der Branche zeigen ein gemischtes Bild. Während der Bitkom die Strategie als wichtiges Signal, aber nicht als großen Wurf bezeichnet (6), kritisiert die German Datacenter Association (GDA) zu Recht den fehlenden Fokus auf gesellschaftliche und kommunale Akzeptanz (7). Auch aus der Politik, etwa von den Grünen, wird der Vorwurf des Greenwashings laut (8).
Für uns bei Prior1 ist die Marschrichtung klar: Wir werden die EnEfG-Novelle kritisch begleiten und unsere Kunden darauf hinweisen, dass ein Aufweichen der Standards nicht in ihrem langfristigen Interesse ist. Rechenzentren, die heute auf hohe Effizienz, Direct Liquid Cooling und echte Abwärmenutzung setzen, werden morgen einen massiven Wettbewerbsvorteil haben: regulatorisch, ökonomisch und für die Reputation.
Quellen
(5) https://algorithmwatch.org/de/gaskraftwerke-fur-rechenzentren/
(6) https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Bitkom-zur-Nationalen-Rechenzentrumsstrategie
